Die Wollmäuse

Hier wird über die Unterschiede zwischen dem österreichischen Deutsch und dem deutschen Deutsch diskutiert. Woher kommt der seltsame Name dieser Seite? Nun, in einer der ersten Stellungnahmen ist es um das Thema „Lurch/Wollmäuse“ gegangen.

Es dauert ja immer seine Zeit, bis die Suchmaschinen eine neue Website finden. Als es bei uns so weit war, haben wir nicht wenig gestaunt: Das erste, was die crawler von google entdeckt haben, waren nicht Begriffe wie „österreichisches Deutsch“, „Präteritumschwund“ oder „Doppeltes Perfekt“, sondern „Wollmäuse“. Wenn man dieses Wort in die Suchmaschine eingibt, kommt man auch heute noch schneller ans Ziel, als wenn man es mit „österreichisches Deutsch“ versucht.

Wenn Sie einen Kommentar anonym posten wollen, dann klicken Sie den Button „Meinung abschicken“ an. Sie können mir aber auch ein Mail an die Adresse das-oesterreichische-deutsch@chello.at schicken. In diesem Fall kann ich Ihnen persönlich antworten.

Zu „trenzen/sabbern“:

Kaum präsentiert, schon verbessert, wenngleich auch nur anhand der PDF-Probeseiten: Ich als Innviertler kenne „trenzen“ eigentlich nur als Synonym für „weinen“. „Speicheln/sabbern“ ist mir dagegen als „soifern“ bekannt. Eine Verwandtschaft dieses Worts mit „Saft“ liegt wohl nahe, aber beweisen kann ich es nicht.

Andreas Hartl

Antwort von Robert Sedlaczek:

Ich bin Wiener, und mir hat man als Kind beim Essen ein „Trenzbarterl“ umgebunden. Wenn ich „trenzen“ höre, denke ich an „speicheln/sabbern“. Aber ich habe mich in meinem Bekanntenkreis umgehört. Mein Freund Wolfgang Mayr, ein waschechter Oberösterreicher, kennt das Wort so wie Sie nur in der Bedeutung „weinen“. Wenn man in Wörterbüchern nachschlägt, entsteht folgender Eindruck: Es scheint hier um zwei Wörter verschiedener Herkunft zu gehen: das eine Wort „trenzen“ im Sinn von „speicheln“ stammt aus dem Niederländischen, auch der Ausdruck „Trense“ (der Pferde) gehört dazu. Das zweite Wort geht auf althochdeutsch trinson zurück, es bedeutet „jammern“ bzw. „weinen“, die ursprüngliche Bedeutung war „den Mund verziehen“. Da die beiden Wörter so ähnlich klingen, sind sie schwer auseinanderzuhalten. Ich glaube, Sie verwenden in Oberösterreich eher das zweite Wort, wir in Wien eher das erste. Was in Wien ein „Trenzbarterl“ ist, nennt man übrigens in Deutschland „Sabberlätzchen“, „Schlabberlätzchen“ oder „Vorbindelätzchen“.

Zu „Lurch“:

Im Buch steht, dass es zum Ausdruck „Lurch“ in Deutschland kein Äquivalent gibt. Aber es gibt einen vergleichbaren Begriff: „Wollmäuse“!

Martha Proidl-Stachl, Wien

Antwort von Robert Sedlaczek:

Ich bin dir für diesen Hinweis sehr dankbar, auch deshalb, weil du mir damit einen Titel für diese Seite geliefert hast. Der achtbändige Duden führt „Wollmaus“ als scherzhaften, regional verbreiteten Ausdruck für „größere Staubflocke auf dem Fußboden, besonders in Ecken und unter Möbelstücken“. „Wollmaus“ ist in der Zoologie die Bezeichnung für eine langhaarige Zuchtform der sogenannten Farbmaus. Auch die Chinchilla wird als Wollmaus bezeichnet. Irgendwann muss der Ausdruck von der Welt der Tiere auf Staubballen übertragen worden sein. Vielleicht ist er ursprünglich nur für Wollfusseln verwendet worden? Auch bei „Lurch“ war das einmal die Grundbedeutung. Jene Wollmäuse, um die es hier geht, leben am liebsten unter Betten und Sofas, ihre natürlichen Feinde sind die Staubsauger. Ein schönes Bild einer Wollmaus findet ihr unter http://www.quarks.de/dyn/16545.phtml

Zu verschiedenen Themen:

Es schreibt Ihnen ein russischer Germanistikstudent, dessen Diplomarbeit genau diesem Thema gewidmet ist. Ich habe vor kurzem von meinen österreichischen Freunden dieses Buch geschenkt bekommen, es hat mir sehr gefallen. Ich habe in diesem Sommer viel mit Österreich zu tun gehabt, und zweifle nicht daran, dass das österreichische Deutsch eine besondere Variante der deutschen Sprache ist. Vielleicht können Sie Ihre Unterschiede durch folgende erweitern: „die Realitäten“ (österr. Deutsch)/„die Immobilien“ (dt. Deutsch), „sich fadisieren“ (österr. Deutsch)/„sich langweilen“ (dt. Deutsch) usw. Redewendungen wie z. B. „aus dem Jahre Schnee“, „Gehen Sie aufs Salzamt!“ und viele andere.

Vladimir Ossokin

Antwort von Robert Sedlaczek:

Viel Spaß und viel Erfolg bei der Diplomarbeit! Wie ich im Einleitungskapitel schreibe, kann das Buch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Aber immerhin findet man das Zeitwort „fadisieren“, und zwar unter „Fadian“. „Realitäten“ ist ein gutes Beispiel für das österreichische Deutsch und dessen Verdrängung durch das deutsche Deutsch. Heute findet man in den österreichischen Medien, auch auf den Inseratenseiten, fast nur noch „Immobilie“. In manchen Situationen kann ich überhaupt nur das Wort „Immobilie“ verwenden. Wir sagen beispielsweise: „Das ist eine schöne Immobilie!“, nicht aber: „Das ist eine schöne Realität!“ Wahrscheinlich haben auch die österreichischen Immobilienhändler dem Ausdruck „Immobilie“ zum Durchbruch verholfen.

Zu „Remise/Wagenschuppen“:

Zunächst ganz allgemein: ein fantastisches Wörterbuch! So habe ich auch gleich ein „schönes Christkindl“ ;-) für meine aus Böhmen stammenden Eltern sowie für eine in Deutschland lebende Steirerin. Jetzt speziell: Statt „Remise“ sagt man in Deutschland, konkret in Frankfurt am Main, „Depot“, „Betriebshof“ oder „Wagenhalle“. „Depot“ ist hier (in Frankfurt) der übliche Begriff. Von den alten Depots in den Stadtteilen werden heute manche anders genutzt, z.B. ist das (denkmalgeschützte) „Bockenheimer Depot“ heute eine Spielstätte der Städtischen Bühnen; oder es wird über eine neue Verwendung nachgedacht wie beim „Sachsenhäuser Depot“. „Betriebshof“ und „Wagenhalle“ sind eher die offiziellen Bezeichnungen der betreffenden Verkehrsbetriebe, wobei ich vermute, dass eine „Wagenhalle“ nur zum Abstellen dient, während ein „Betriebshof“ zusätzlich (in der Halle oder separat) über Werkstätten verfügt. Die Bezeichnung „Wagenschuppen“ ist in Frankfurt a. M. völlig unüblich. Meines Ermessens ist auch Ebner (3. Aufl. 1998) so zu verstehen, dass er [Wagen]schuppen als in D veraltet kennzeichnet und „Remise“ mit „Depot“ übersetzt. Ganz sicher bin ich nicht, es könnte in D regionale Unterschiede geben. Nach meinem Sprachgefühl ist ein „Schuppen“ jedoch z.B. ein kleines Gerätehäuschen im Garten (typischerweise aus Holz), oder es ist eine abwertende Bezeichnung z.B. für ein heruntergekommenes Tanzlokal.

Dr. Hans Müller, Frankfurt am Main

Antwort von Robert Sedlaczek:

„Depot“ wird offensichtlich in ganz Deutschland mit der Bedeutung „Wagenhalle/Betriebshof“ verwendet. Zumindest kommt man zu diesem Eindruck, wenn man auf google.de „Seiten aus Deutschland“ das Wort eingibt. Wenn wir in Österreich von einem „Depot“ reden, dann ja meist im Sinn von „Waffendepot“ (= Waffenarsenal) oder „Weindepot“ (Bodensatz, Ablagerungen in einer Flasche).

Zu „Fenstertag“:

In Ihrem ausgezeichneten Buch vermisse ich das Stichwort „Fenstertag“. Bei uns gebräuchlich, in Deutschland großteils unbekannt. Der „Fenstertag“ als freier Tag zwischen Feiertagen bzw. zwischen Feiertag und Wochenende mutiert bei unseren deutschen Nachbarn zum „Brückentag“.

Kurt Tutschek

Antwort von Robert Sedlaczek:

Danke, guter Tipp! Der Ausdruck „Fenstertag“ steht nicht einmal im achtbändigen Duden. Das Wort „Brückentag“ dürfte aus dem Französischen als Lehnübersetzung ins Deutsche gelangt sein. Einen ähnlichen Ausdruck gibt es auch im Italienischen. Es gibt in Österreich 13 gesetzliche Feiertage, davon können elf einen Fenstertag auslösen (sie sind hier fett gedruckt): 1. Jänner (Neujahr), 6. Jänner (Heilige Drei Könige), Ostermontag, 1. Mai (Staatsfeiertag), Christi Himmelfahrt, Pfingstmontag, Fronleichnam, 15. August (Mariä Himmelfahrt), 26. Oktober (Nationalfeiertag), 1. November (Allerheiligen), 8. Dezember (Mariä Empfängnis), 25. Dezember (Christtag), 26. Dezember (Stefanitag). Man hört immer wieder die Meinung, dass es bei uns besonders viele Fenstertage gibt. Da Fenstertage in den meisten Firmen ohnedies eingearbeitet werden, sind sie aus volkswirtschaftlicher Sicht allerdings neutral.

Zu „Fenstertag“:

Wir Oberösterreicher sagen dazu „Zwickeltag“, was unsere Wiener Freunde aus unerfindlichen Gründen immer sehr erheitert hat. Desgleichen die oberösterreichische Redewendung: „Geh, tua weida!“ (hochdeutsch: Nun mach schon!)

Jutta M.-Weiss

Antwort von Robert Sedlaczek:

Na ja, sollen sie nur lachen, die Wiener. Ein „Zwickel“ ist ein „keilförmiges Stück“. Das Wort ist verwandt mit „zwicken“ im Sinn von „einklemmen“. Die verschiedenen Bedeutungen von „Zwickel“ sind im Wörterbuch der Brüder Grimm hervorragend dokumentiert. Man kann übrigens das gesamte Grimmsche Wörterbuch auf einer Website der Universität Trier kostenlos abrufen: http://www.dwb.uni-trier.de/index.html

Ein weiteres Beispiel für eine unterschiedliche Aussprache:

Ich freue mich, dass Sie in dem Buch auch auf abweichende Aussprachegewohnheiten hingewiesen haben. Mir ist neulich ein weiterer Unterschied in der Aussprache aufgefallen: „Offizier“ wird in Österreich meist mit s und nicht mit ts gesprochen!

Univ.-Prof. Dr. Heinz Dieter Pohl, Klagenfurt

Antwort von Robert Sedlaczek:

Vielen Dank für den Hinweis. Vieles, was man so auf RTL und SAT 1 hört, aber auch in den synchronisierten Spielfilmen des ORF, klingt ja ein wenig fremd für unsere Ohren: ballong, betong, büfett, schangse, scheff, chemie (statt kemie), china oder schina (statt kina), chirurg (statt kirurg), schile, giraffe (statt schiraffe), kabarett, küken, mathematik (endbetont), orkester (statt orchester). Meine Frau ärgert sich immer, wenn im ORF für tampongs von o. b. geworben wird. Oder wenn ein Deutscher, dem man nie im Leben einen Gebrauchtwagen abkaufen würde, den Österreichern die neueste Handy-Technologie anpreist. Eine Zeit lang sogar mit „Das isn Deal!“. Wird ungemein absatzfördernd sein ... ;-) Inzwischen ist der Satz nur noch in der Form „Das ist der Deal!“ zu hören, aber die Sprachmelodie ist die selbe. Außerdem wird suggeriert, dass die Österreicher hinter dem Mond leben, nein, nicht alle, nur jene, die sich beharrlich weigern, diesem Mann ein Handy abzukaufen. In meinem Buch habe ich auch den Billa-Slogan „Jetzt zulangen!“ zerpflückt. Als es noch in größerer Zahl Greißlerinnen gegeben hat, haben diese „Greifen S(ie) zu gesagt“, nicht aber „Langen S(ie) zu!". „Zulangen“ heißt in Österreich vor allem „viel essen“. Ich glaube, die Billa-Marketing-Leute haben prompt reagiert. Seit kurzem findet man auf den Billa-Plakaten das für uns vertraut klingende „Zugreifen!“ Mein Verdacht richtet sich gegen einen Mitarbeiter von „Ja!Natürlich!“ Er hat mir ein Foto zum Thema „Paradeiser/Tomaten“ zur Verfügung gestellt und deshalb ein Belegexemplar meines Buches bekommen. Ich verdächtige ihn außerdem, dass er das Buch gelesen hat und ziehe vor ihm meinen (virtuellen) Hut ...

Vorschlag für ein neues Stichwort: Vorgangsweise!

Ich habe den Eindruck, dass man bei uns eher „Vorgangsweise“ sagt, in Deutschland eher „Vorgehensweise“. Ich habe Belege für „Vorgehensweise“ aus einigen Regionen Deutschlands. Ergänzen könnte man auch, dass die Deutschen „verwandt“ sagen, wo es bei uns „verwendet“ heißt.

Prof. Mag. Hermann Möcker, Wien

Antwort von Robert Sedlaczek:

Eine Suche bei Google bestätigt Ihre Beobachtungen zu „Vorgangsweise/Vorgehensweise“. Auch der Rechtschreibduden (aktuelle 23. Auflage) hat „Vorgangsweise“ als „österreichisch“ markiert. Zu „verwandt/verwendete“: Der Rechtschreibduden nennt als Beispiel: „ich verwandte oder ich verwendete“, „ich habe verwandt, ich habe verwendet“. Die Reihung ist wohl nicht zufällig. Der Duden-Band „Richtiges und gutes Deutsch“ unterscheidet zwischen drei Bedeutungen. In der Bedeutung „benützen, anwenden“ sind in Deutschland beide Formen möglich: „Er verwendete wasserlösliche Farben.“ „Er verwandte wasserlösliche Farben.“ In der Bedeutung „sich für jemanden einsetzen“ (reflexiv) sind in Deutschland die Formen mit a üblicher: „Er hat sich bei dem Minister für seinen Freund verwandt.“ In der bereits veralteten Bedeutung „wegwenden, abwenden“ sind in Deutschland ebenfalls Formen mit a üblicher: „Sie verwandte keinen Blick von dem Bild.“ Wie einfach haben wir es da im österreichischen Deutsch! Die Formen mit e sind auch die moderneren. Vor kurzem ist mir übrigens noch ein weiterer Unterschied aufgefallen: Wir sagen eher „die Eintragung/die Eintragungen“, in Deutschlad verwendet man eher „der Eintrag/die Einträge“. Der Ausdruck „Klassenbucheintragung“ ist mir noch aus meiner Schulzeit in Erinnerung. Ist für mich unvorstellbar, dass man das „-ung“ weglässt. Kleine Unterschiede, große Wirkung!

Zu „plaudern, plauschen, tratschen, gatschen, ratschen, schwätzen“:

Hallo Robert, für die nächste Auflage Deines Buches: Schreibfehler bei Kuttel„felck“. Bei „plaudern, plauschen, tratschen etc.“ fehlt „tröfeln“ - wiewohl mir bewußt ist, dass die Abgrenzung zur reinen Mundart schwierig ist ... Nichtsdestotrotz: Tolles Buch!!!

Egon Sternad, Graz

Antwort von Robert Sedlaczek:

Lieber Egon! Vielen Dank für den Hinweis auf den Kuttel„felck“. Der Ausdruck „tröfeln“ war mir nicht bekannt - hab wieder was dazugelernt. Wenn man das Wort auf google eingibt, kommt man zu einer Website eines jungen Burschen aus Donnersbach in der Steiermark. Er nennt als Hobbys „schatzen und tröfeln“. Was ist eigentlich „schatzen“? Verwandt mit „schwatzen“?

Zu „schatzen und tröfeln“:

„Schatzen“ heisst „tratschen“, bevorzugt mit weiblichen Geschöpfen (aus der Sicht der männlichen ...). „Tröfeln“ beschreibt das Plaudern über Belanglosigkeiten ...

Egon Sternad, Graz

Antwort von Robert Sedlaczek:

Hab wieder was dazugelernt. Schön, dass es im Steirischen so viele eigenständige Begriffe gibt. „Bohnschoten“ (für Fisolen) ist ja auch so einer. Ist in Wien unbekannt, aber wenn dieses Gemüse in einem Rezept der Kleinen Zeitung, Graz, vorkommt, heißt es immer „Bohnschoten“, niemals „Fisolen“. Es lebe die Vielfalt! Nicht nur innerhalb des deutschen Sprachraums, auch in Österreich.

Zu „baba“:

Sie schreiben in Ihrem Buch über „tschüss“ etc. In der Überschrift kommt auch „baba“ vor, aber ohne Erklärungen im Text. Ich hatte heute in der Dusche einen Gedanken über die Herkunft von „baba“. „Baba“ gibt es auch in einer längeren Version als „babatschi“. „Auf Wiedersehen“ heißt auf ukrainisch (= ruthenisch?) „do pobatschennja“, was man eher „pabatschinja“ ausspricht. Ist das ein Zufall?

Johannes Baillou, Wien

Antwort von Dr. Sedlaczek: Vielen Dank für Ihr Mail. Unser Gruß „baba“ ist aus einem Lallwort der Kinder entstanden. Wenn Kinder zu sprechen beginnen, sagen sie ja zuerst lala, mama, baba/papa, dada/tata etc. Das wird dann als Bezeichnung für die Angesprochenen, also Vater und Mutter, verwendet, von den Erwachsenen als Bezeichnung für das Kleinkind selbst oder als Kindergruß. Später wird dann der Kindergruß zu einem allgemeinen Gruß unter Erwachsenen. Damit ist auch erklärt, warum es in verschiedenen Sprachen ähnlich klingende Wörter mit diesen Bedeutungen gibt. Sogar das englische „bye-bye“ klingt ähnlich wie „baba“, obwohl es da sicher keinen entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhang gibt. Auch „baby“ ist vom Klang her nicht weit entfernt.

Interessant ist, dass „Papa“ (= Vater) wahrscheinlich aus dem Französischen ins Deutsche entlehnt worden ist. Daher hört man das Wort auch oft mit einer Betonung auf der letzten Silbe. Daneben ist „Papa“ aber auch eingedeutscht mit Betonung auf der ersten Silbe gebrächlich. In Tirol verwendet man hingegen eine Variante mit Dentallaut: „Tata“. Das erinnert stark an englisch „dad“ und „daddy“, wobei auch hier kein entwicklungsgeschichtlicher Zusammenhang besteht.

Dass wir statt „baba“ auch „babatschi“ sagen, wird kein Hinweis auf eine slawische Herkunft sein. Mein Vater hat mir als Kind oft ein rührseliges Lied vorgesungen: „Mamatschi, schenk mit ein Pferdchen, ein Pferdchen wär mein Paradies ...“ Das Anhängen von slawischen Endungen an deutsche Wörter hat vor allem im Osten und im Süden Österreichs eine gewisse Tradition. Wenn jemand zur Brieftasche (= Geldbörse) greifen muss, weil das Kleingeld im Hosensack nicht ausreicht, dann kann man die scherzhafte Bemerkung hören: „Moment, ich geh schnell nach Taschlowitz!“

Aber ein gelernter Slawist kann uns sicher zu „do pobatschennja“ eine genaue Auskunft geben.

Zu „babatschi“:

Dass ein Zusammenhang zwischen „do pobatschennja“ und „babatschi“ besteht, kann man ausschließen. Die (angebliche) Aussprache papatschennja ist falsch und dem Russischen abgelauscht, wo in der Tat nur in betonten Silben zwischen a und o unterschieden wird (daher heißen die Slawen slavjáne, nicht slovjáne, die Kosaken kazakí usw., auch geschriebenes Moskva wird maskva gesprochen). Der ukrainische Gruß kommt von po + bátschyty „sehen“ = „wiedersehen“, + do „bis“ (im Russischen heißt es anders, nämlich do svidanija wörtlich „bis zur Zusammenkunft“). Ein slawisches Lallwort ist übrigens baba: „alte Frau, Großmutter“. Hier spielt der Gedanke an das Stammeln einer alten, gebrechlichen Frau eine Rolle.

Univ.-Prof. Dr. Heinz Dieter Pohl, Klagenfurt

Zu verschiedenen Themen:

Mit Vergnügen habe ich in meinem Weihnachtsgeschenk „Das österreichische Deutsch“ geschmökert. Dazu drei Bemerkungen: (1) Im großen Weihnachtskreuzworträtsel der „Oberösterreichischen Nachrichten“ steht „ugs.“, wenn man ein österreichisches Wort erraten soll. Der Unterschied zwischen „österreichisch“ und „umgangssprachlich (in Österreich)“ ist mir auf Grund Ihres Buches nicht ganz klar. (2) Kürzlich gab es an einer Fakultät der Uni Linz eine Abschiedsveranstaltung für einen (in österreich geborenen), in Emeritierung befindlichen Professor. Der (in Deutschland geborene) Dekan als Vorsitzender bezeichnete dies als „Verabschiedung“, was den emeritierenden Professor unangenehm an die Verabschiedung am Urnenfriedhof erinnerte – und natürlich nicht so gemeint war. (3) Als ich vor 60 Jahren in Berlin lebte, hießen die Semmelbrösel dort „geriebene Semmel“. Das fand ich immer lustig, denn es gab ja keine Semmeln, die man hätte reiben können, nur „Schrippen“ oder „Knüppel“, die sich in der Form etwas voneinander unterschieden.

Helmut Paul, Linz

Antwort von Robert Sedlaczek:

(1) Das ist eine komplizierte Geschichte, weil die Begriffe „Dialekt“, „Mundart“, „Umgangssprache“, „Standardsprache“, „Schriftsprache“ und „Hochsprache“ so unterschiedlich verwendet werden. Manche unterscheiden zwischen „Dialekt“ und „Mundart“, andere setzten die beiden Begriffe gleich. Gleiches gilt für „Standardsprache“, „Schriftsprache“ und „Hochsprache“. Konzentrieren wir uns auf „Dialekt/Mundart“, „Umgangssprache“ und „Standardsprache/Schriftsprache“. Manche machen es sich einfach und sagen: „Dialekt/Mundart“ ist kleinräumig, „Standarsprache/Schriftsprache“ sind jene Regeln, die für den gesamten deutschen Sprachraum gelten, irgendwo dazwischen ist die „Umgangssprache“ anzusiedeln.

Diese Definition steht jedoch im Widerspruch zum plurizentrischen Konzept der deutschen Sprache. Wer der Meinung ist, dass es ein deutsches Deutsch, ein österreichisches Deutsch, ein Schweizer Deutsch usw. gibt, die als gleichberechtigte Varietäten nebeneinander stehen, der wird mit obiger Definition nicht viel anfangen. Er wird die Begriffe „Dialekt/Mundart“, „Umgangssprache“ und „Standardsprache/Schriftsprache“ als verschiedene „Sprachebenen“ verstehen. Ausschlaggebend ist der Sprachkontext, das Umfeld der Kommunikation: Mit wem rede ich, wer hört mir zu, ist es eine mündliche Kommunikation, eine Kommunikation in Briefform, über e-Mail, über SMS etc. Dieser Kontext spielt bei den kleinräumigen Sprachgepflogenheiten genauso eine Rolle wie bei den ganz großräumigen (jene, die den gesamten deutschen Sprachraum umfassen).

Das Wort „Aprikose“ ist beispielsweise in Deutschland „Standardsprache/Schriftsprache“, in Österreich ist hingegen für dieses Obst das Wort „Marille“ auf der höchsten Sprachebene in Gebrauch. „Ich habe gestanden, gelegen, gesessen“ ist im Norden Deutschlands Standardsprache, im Süden Deutschlands und in Österreich sagt man hingegen „ich bin gestanden, gelegen, gesessen“ – das ist ebenfalls Standard.

Wenn jemand das Wort „Fetzen“ (für Führerschein) verwendet, so ist das Dialekt, außerdem ist der Ausdruck dem österreichischen Deutsch zuzuordnen. Wenn jemand „Fleppe“ (für Führerschein) sagt, so ist das ebenfalls Dialekt, aber ich weiß, der Sprecher kommt aus Deutschland. Es gibt Menschen, die beim Telefonieren innerhalb kürzester Zeit zwischen verschiedenen Sprachebenen hin und her wechseln können: Wenn sie mit ihrem Chef reden, dann bewegen sie sich auf der Ebene der „Standardsprache“, wenn sie mit ihrer Familie telefonieren, sprechen sie „Dialekt“.

In Österreich hat man schon zu Zeiten Maria Theresias die Normen aus Deutschland (damals vor allem aus Sachsen) willig angenommen und die eigenen Sprachgewohnheiten in den Dialekt abgedrängt. Das großdeutsche Gedankengut war auch nicht gerade ein Nährboden für ein sprachliches Selbstbewusstsein, von den sprachlichen Normierungsversuchen in der Zeit des Nationalsozialismus ganz zu schweigen. Erst beginnend mit der Zweiten Republik hat sich ein österreichisches Sprachbewusstsein entwickelt, das stärker wird, seit wird Teil der großen Europäischen Gemeinschaft sind.

Wer „das Österreichische“ in unserer Sprache sucht, darf also vor den umgangssprachlichen Sprechgewohnheiten keine Scheu haben. Eine Gleichsetzung von „umgangssprachlich = österreichisch“, „standardsprachlich = bundesdeutsch“ ist mir jedoch, wie sie sich denken können, zuwider.

(2) Ich weiß nicht, ob dieses Missverständnis beim Wort „Verabschiedung“ auf einen Sprachunterschied zwischen Österreich und Deutschland hindeutet, oder ob es sich um ein Missverständnis handelt, das in Österreich wie in Deutschland in gleicher Weise auftreten kann.

(3) „Semmel“ ist in einigen Regionen Deutschlands durchaus in Gebrauch, wenn auch oft nur regional stark eingegrenzt oder nur als Zweitausdruck (siehe S. 358 f.). Wohl deshalb hat sich „Semmelmehl“, und worauf Sie zu recht hinweisen, „geriebene Semmeln“ etablieren können, auch dort, wo die Bäcker nicht „Semmeln“, sondern „Schrippen“ backen. Zu „Knüppel“: Sehe ich es richtig, dass es sich dabei um ein längliches Gebäck handelt? Ein Weckerl?

Zu verschiedenen Themen:

Zum zweiten Mal ein paar Dinge, die mir in Ihrem hervorragenden Buch, das zum Schmökern einlädt, aufgefallen sind. Ich möchte auf weitere Stichwörter hinweisen, die in der Erstauflage des Buches nicht vorkommen: (1) „schlichten“: In Deutschland kommt das Wort nur im Zusammenhang mit „Streit schlichten“ vor, bei uns in Österreich aber auch im Sinn von „ordnen“ – z. B. „Holz schlichten“. (2) Nicht entdeckt habe ich auch den Ausdruck „jemanden ausrichten“, was hier in Österreich soviel bedeutet wie „über jemanden hinter seinem Rücken reden“. Dieser Gebrauch des Verbs „ausrichten'“ ist in Deutschland ungebräuchlich. (3) Ein weiteres wichtiges Alltagswort, auf das ich hinweisen möchte: „Umfahrung“. Bei unseren deutschen Nachbarn wird man dieses Straßenschild vergeblich suchen. Dort heißt es „Umgehung“ bzw. „Umgehungsstraße“. (4) Bei überteuerten Preisen spricht man hierzulande gern von „geschmalzenen Preisen“. Auch diese Redewendung dürfte in Deutschland unbekannt sein – man verwendet eher den Ausdruck „gepfefferte Preise“. (5) Schließlich noch ein Hinweis auf das Lottospiel: Hier scheint sich ein Fehler in Ihrem Buch eingeschlichen zu haben. Lotto in Deutschland „6 aus 49“ – nicht wie im Buch angegeben „6 aus 50“.

Kurt Tutschek

Antwort von Robert Sedlaczek:

Vielen Dank! Ihre Vorschläge von (1) bis (4) kommen in eine erweiterte Neuauflage. Den Fehler, was das bundesdeutsche Lotto anlangt, bedaure ich, die Stelle wird ausgebessert. Das Korrekturprogramm von Microsoft Word unterstreicht übrigens „Umfahrung“ mit einer roten Wellenlinie, mit „Umgehung“ ist es zufrieden. Es ist ein Jammer, dass die Ausdrücke des österreichischen Deutsch dort so oft als Fehler eingestuft werden.

Zu verschiedenen Themen:

Seit etwa einem Jahr lebe ich, aus Deutschland (geb. in München) kommend, in Bregenz, Vorarlberg. Nachdem ich im Rahmen einer Forschungsarbeit zur „Zeitgenössischen Architektur in Vorarlberg“ meine Datenerhebung vor allem auf Interviews stütze, die ich dann verschriftliche, komme ich mit gesprochener Sprache intensiv in Kontakt. Bei dieser Gelegenheit, sowie in der alltäglichen Kommunikation sind mir natürlich die eklatanten Unterschiede zwischen dem österreichischen und dem deutschen Deutsch aufgefallen. Ich befürchtete schon, meiner Arbeit ein „Glossar der Austriazismen“ hiinzufügen zu müssen, bis ich kürzlich auf Ihr hervorragendes Werk gestoßen bin und es sofort begeistert gelesen habe. Es ist so attraktiv, auch durch die Bildbeispiele, daß das Lesevergnügen ähnlich groß ist, wie bei einem Roman.

Gerade, weil ich es zusätzlich auch für ein wichtiges Projekt halte, möchte ich Sie um Weiterpflege im Rahmen der kommenden (ich wünsche Ihnen möglichst viele) Auflagen bitten. Dazu einige Anregungen: (1) „übersiedeln, siedeln“ (österr.) für „umziehen“ (deutsch). Ob sich das auch auf den in Deutschland gebräuchlichen „Umzugskarton“ als zentralem Requisit bei diesem Vorgang sprachlich auswirkt, war für mich noch nicht zu ermitteln. Der Ausdruck „Umsiedeln“ ist im deutschen Deutsch reserviert für den erzwungenen Wohnortwechsel, v.a. im Zusammenhang mit den Flucht- und Vertreibungsvorgängen im Gefolge des II. Weltkriegs. Beispiel: Der Titel von Arno Schmidts Prosastück „Die Umsiedler“ (1953). (2) „zu Handen“ (österr.) – „zu Händen“ (dtsch.) (3) „Vorrangstraße“ (österrr.) – „Vorfahrtstraße“ (dtsch.). (4) „beheben“ (österr.): über den Rahmen der Verwendung bin ich noch unsicher, jedenfalls kommt dieser Ausdruck im deutschen Deutsch lediglich in der Bedeutung von „Schaden beheben, d.h. Schaden abstellen“ vor und nicht im Zusammenhang mit Geldbeträgen) – „erheben“ (dtsch.), z.B. Mautgebühr. (5) Zur Erklärung des österreichisch-deutschen Begriffs „allfällig“, der in Ihrem Werk nur kurz abgehandelt wird, darf ich Ihnen hier den gekürzten Text eines Leserbriefs aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 21.12.04 zur Kenntnis bringen (Verfasser: Dr. Hans-Chr. Riedelbauch, Bad Kreuznach): Zum Brief von Leser Prof. Dr. Karl Holzamer „Der ,Anschluß‘ im Rundfunk“ (FAZ vom 27. Nov.): (...) „Eines wäre aber richtigzustellen: Seyß-Inquart (...) sprach nicht von einem ,auffälligen‘ Einrücken deutscher Truppen, sondern verwendete den beamtensprachlichen Austriazismus ,allfällig‘, was statt ,gegebenenfalls‘, ,eventuell vorkommend‘, aber auch als eine Tagesordnung abschließendes Wort gebraucht wurde. Ich erinnere mich deshalb deutlich, weil wir zuerst noch über die Bedeutung des in Deutschland ungebräuchlichen Ausdrucks nachdachten, bis sich meine Mutter wieder erinnerte.“

Günther Prechter, Bregenz

Antwort von Robert Sedlaczek:

Vielen Dank für die zahlreichen wertvollen Hinweise. (1) „übersiedeln“ – „umziehen“: äußerst interessant, worauf sie da hinweisen. Der achtbändige Duden umschreibt „übersiedeln“ mit „seinen (Wohn-)Sitz an einen anderen Ort verlegen“; der erste Beispielsatz lautet: „die Firma wird (von Mainz) nach Köln verlegt“; alle anderen Beispiele sind aus Österreich oder Südtirol. Bei „umziehen“ steht „in eine andere Wohnung, Unterkunft ziehen“ und „(im Rahmen eines Umzugs) irgendetwas transportieren“. Nirgendwo ein Hinweis auf eine regionale Verbreitung. Sie haben den Unterschied besser auf den Punkt gebracht, als die Duden-Redaktion! Für den Wohnungswechsel (und den damit verbundenen Transport) verwendet man in Österreich meist „übersiedeln“ und in Deutschland meist „umziehen“. Eine Internetrecherche zeigt, dass es in Deutschland „Umzugsfirmen“ gibt, in Österreich wird dieselbe Dienstleistung meist unter „Übersiedlungen“ angeboten. Vermutlich wird in Deutschland das Wort „übersiedeln“, wenn überhaupt, dann nur für einen Wohnsitzwechsel von einer Stadt in eine andere verwendet. Außerdem werden offensichtlich Anklänge an „Zwangsumsiedlungen“ oder „Emigration“ geweckt. Von Bedeutung dürfte auch sein, dass die deutsch-deutsche Migration (vor allem von der DDR in die Bundesrepublik) „Umsiedlung“ genannt worden ist. Auf folgender Website der Bundeszentrale für politische Bildung sieht man die Verwendung des Wortes „Umsiedlung“ in diesem Sinn:

http://www.bpb.de/publikationen/08599306878019281319773065363247,4,0,Struktur_und_Entwicklung_der_Bev%F6lkerung.html#art4

Ein von den DDR-Behörden ausgestellter Ausweis zur Übersiedlung in die Bundesrepublik hieß im DDR-Amtsdeutsch „Personalbescheinigung zur Übersiedlung“.

http://www.dhm.de/datenbank/index.html?/datenbank/2001/20012599.html

Wer nach dem Mauerfall in den Westen ging, ist dann als „Aussiedler“ bezeichnet worden.

Das alles hat meiner Meinung nach die Verwendung von „Übersiedlung“ im Sinn von „Umzug“ in Deutschland stark eingeschränkt, während das Wort in Österreich nach wie vor ohne politische Vorbelastung verwendet werden kann.

(2) „zu Handen“ – „zu Händen“: Das werde ich in eine Neuauflage aufnehmen. (3) „Vorrangstraße“ – „Vorfahrtstraße“: Auf Seite 413 habe ich „Vorrang“ und „Vorfahrt“ im Buch. (4) (von einem Konto/von der Bank Geld) „beheben“ – „abheben“ ist der Gegensatz, wobei man „abheben“ auch in Österreich sagen kann. (5): Ich danke für den Hinweis, dass sich der Sprachunterschied nicht nur auf den letzten Tagesordnungspunkte bezieht. In dem von Ihnen genannten Fall müsste man einem Deutschen den Ausdruck „allfälliges Einrücken“ wohl mit „etwaiges Einrücken“ erklären.

Zu „absiedeln“ und „ansiedeln“:

Nachdem ich Ihr Buch inzwischen auch in meinem hiesigen Freundeskreis diskutiere, habe ich kürzlich noch einen Begriff aus dem Wortfeld „siedeln“ gefunden: Ein aus der Steiermark stammender Freund sprach im Zusammenhang mit der Neuerrichtung eines ausgedehnten Truppenübungsplatzes vom „absiedeln“ der dort ansässigen Bevölkerung, also deren Entfernung aus dem betreffenden Gebiet. Dieser Begriff kommt m.E. im deutschen Deutsch nicht vor, wohingegen das Gegenteil, nämlich „ansiedeln“, in Gebrauch ist.

Günther Prechter, Bregenz

Antwort von Robert Sedlaczek:

Im achtbändigen Duden ist das Wort zwar zu finden, aber nur als Fachbegriff der Krebsmedizin (wenn sich Metastasen ausbreiten). Im Internet findet man „abgesiedelt“ mit der von Ihnen erwähnten Bedeutung auch auf bundesdeutschen Websites, die Zahl der Treffer ist allerdings gering. Beispielsweise taucht „abgesiedelt“ bei Meldungen über eine Bürgerinitiative gegen den Nachtflughafen Hahn auf (Rheinland-Pfalz). Die Verwendung scheint in Deutschland auf das Gebiet südlich von Frankfurt beschränkt zu sein. Ich werde gelegentlich noch ausführlicher und in Ruhe herumsurfen. Vielleicht ein Wort, das sich gegen Norden ausbreitet? Jedenfalls vielen Dank für den interessanten Hinweis.

Zum Thema „Lehrling“:

In Österreich wird „Lehrling“ verwendet, in Deutschland „Azubi“ (Auszubildender).

Mag. Günther Wenth, Neuhofen

Antwort von Robert Sedlaczek:

Vielen Dank. Hab ein wenig gegoogelt und möchte wie folgt zusammenfassen: Sieht so aus, wie wenn Lehrling im gesamten deutschen Sprachraum gebräuchlich wäre. In Deutschland wird Azubi (Auszubildender) häufiger verwendet als Lehrling (zumindest im Internet); in Österreich ist Azubi weitgehend unbekannt.

„Das Teil“ oder „der Teil“?

Ich begrüße sehr dieses ausführliche und mit vielen Erläuterungen versehene Buch. Es freut mich, dass auch österreichische Ausdrücke Eingang in Deutschland gefunden haben. Beim ersten Durchblättern vermisse ich zwei Wörter: „patschert“ ist nicht vorhanden; „Teil“ hat bei uns männliches, in Deutschland sächliches Geschlecht. Damit kämpfe ich ständig bei deutschen Texten für Europanormen! Meine Gratulation zu diesem Buch!

Dipl.-Ing. Helmut Hörner

Antwort von Robert Sedlaczek:

Auch ich bin ursprünglich gefühlsmäßig der Meinung gewesen, dass die männliche Form die österreichische ist, allerdings hat sich mein Gefühl nicht verifizieren lassen. Im Grimmschen Wörterbuch liest man, dass „das Teil“ vorzugsweise im Sinn von lat. pars(= Stück eines Ganzen) verwendet wird, „der Teil“ im Sinn von „Anteil“, „Zugeteiltes“. Und dann heißt es: „Doch ist diese Scheidung schon fürs Althochdeutsche nicht durchzuführen.“

Der achtbändige Duden macht folgende Unterscheidung:

1. der Teil = etwas, was mit anderem zusammen ein Ganzes bildet, zu einem größeren Ganzen gehörende Menge oder Masse, Teilbereich: „der hintere Teil des Hauses“, „der erste Teil des Romans“, „ein wesentlicher Teil seiner Rede“;

2. der oder das Teil = etwas, was jemand von einem Ganzen hat, Anteil; etwas, was jemand zu einem Ganzen beiträgt: „jemandem sein(en) Teil geben“;

3. der Teil = Personen oder Gruppe von Personen, die in bestimmter Beziehung zu einer anderen Person oder Gruppe von Personen steht: „sie war immer der gebende Teil in der Partnerschaft“;

4. das Teil = einzelnes kleines Stück, das zwar zu einem Ganzen gehört, dem aber eine gewisse Selbständigkeit zukommt: „ein wesentliches Teil des Bausatzes fehlt“, „ein defektes Teil ersetzen“;

Ich habe bei google.at und google.de die Wörter „der Teil“ (männlich, 1. Fall), „den Teil“ (männlich, 4. Fall) und „das Teil“ (sächlich, 1. und 4. Fall) eingegeben – wie man es dreht und wendet, es lässt sich kein signifikanter Unterschied in der Häufigkeit zwischen österreichischen und bundesdeutschen Webseiten feststellen. „Das Teil“ ist auch in Österreich häufig anzutreffen.

Hilfreich ist bei derartigen Zweifelsfällen die „Mundartprobe“. Wenn in österreichischen (oder bayerischen) Mundarten die sächliche Form kaum anzutreffen wäre, ließe sich die Theorie vielleicht doch noch verifizieren ...

Ein Blick in das alte bayerische Wörterbuch von SCHMELLER fördert jedoch ebenfalls sächliche und männliche Formen bunt gemischt zu Tage, ein Beispielsatz lautet: „Sie hat a guats Teil der Milli verschütt!“ (= Sie hat ein gutes Teil der Milch verschüttet). Auch Frau Universitätsprofessor Maria Hornung hat mir spontan zahlreiche Mundartbeispiele mit der sächlichen Form genannt.

All das hat mich letztlich bewogen, das Wort nicht aufzunehmen.

„Salzburger Schnürlregen“ und „das ist Radetzky“

Hallo, Herr Sedlaczek! Ein paar Vorschläge für Ihre nächste Auflage. Es scheint mir logisch zu sein, wenn einige Realienbezeichnungen dazukommen. Ich meine u. a. solche, wie „Salzburger Schnürlregen“ (im Binnendeutschen „es regnet Bindfäden“), „das ist ja Radetzky“ usw. Möchte auch die Möglichkeit nutzen, um allen für zahlreiche Meinungen und Kommentare zu danken! Bis später!

Antwort von Robert Sedlaczek

Vielen Dank. Den „Salzburger Schnürlregen“ finden Sie auf Seite 370 unter dem Stichwort „Spagat, Schnur“. „Das ist ja Radetzky“ im Sinn von „das ist ja allseits bekannt“ (wie der Tod des berühmten Feldmarschalls) wäre ein gutes Stichwort. Fragt sich nur, ob es in Deutschland eine ähnlich originelle Redewendung gibt. Mir geht es ja darum, einem Begriff des österreichischen Deutsch einen parallelen des deutschen Deutsch gegenüberzustellen.

Unterschiede im Bereich der Amtssprache

Auf meinen Streifzügen durch die Formulare, Rechnungen und die Literatur meines Gastlandes Österreich bin ich wieder auf Austriazismen gestoßen, die Sie vielleicht interessieren könnten:

„innert“ (bitte bezahlen Sie diese Rechnung innert 10 Tagen) – deutsches Deutsch: „innerhalb“;

„Polizze“ (Versicherungspolizze) – das heißt in Deutschland „Police“;

„Organisierung“ (z. B. Forschungsorganisierung, in einem Buch eines österreichischen Autors über den Aufbau einer wissenschaftlichen Arbeit) – in Deutschland „Organisation“ in Doppelbedeutung mit dem Synonym für „Vereinigung, Gesellschaft“;

„Vorgangsweise“ (aus demselben Werk wie oben) – in Deutschland würden wir „Vorgehensweise“ sagen;

„Zurücklegen“ (eines Titels, z. B. „worauf der Vorsitzende seine Funktion zurücklegte“, aus der Tageszeitung) – in Deutschland gibt es statt dessen das „Zurücktreten“ oder den „Rücktritt“ von einem Amt, einer Funktion;

und zuletzt noch eine Ergänzung zu Ihren Ausführungen über „Kappe“: „Kapperatz“, „Kapperotz“, Mundartausdruck einer Saalfelderin für „Gendarm“.

Wie Sie schon in Ihrem Vorwort angedeutet haben, wimmelt es umso stärker von Austriazismen, je tiefer man in die Sprache von Behörden oder ähnlichen Institutionen eindringt. So gings mir neulich bei meiner Bewerbung um Aufnahme in die österreichische Architektenkammer. „Ziviltechniker“, „Niederlasser“, „Konsulent“, „aufrechte“ oder „ruhende Befugnis“ sind nur einige Beispiele, die hier dem deutschen Ausländer ins Auge springen. Doch solche fachsprachlichen Ausdrücke sind wohl nicht das primäre Einsatzgebiet für Ihr Handbuch.

Günther Prechter, Bregenz

Antwort von Dr. Sedlaczek

Vielen Dank für die zahlreichen Hinweise. Zu „Kappe“ fällt mir ein: Vor kurzem habe ich in der Tageszeitung Die Presse gelesen (31. März, Seite 14), dass es in Wien nicht nur Schwarzkappler (Kontrollore in der U-Bahn und Straßenbahn) gibt, sondern auch „Blaukappler“ und „Weißkappler“. Es handelt sich dabei um „Parkraumüberwacher“. Jene mit den blauen Kappen kümmern sich um Parkpickerl und um Parkscheine, jene mit den weißen Kappen um Verstöße gegen das Parkverbot.

Zum Wort „gemütlich“

Mir wurde Ihr Buch geschenkt und ich habe es begierig unter dem Buchstaben „G“ aufgeschlagen, um ein Wort zu suchen, dessen Anwendung und Erläuterung mir im nichtösterreichischen deutschsprachigen Raum immer wieder Probleme bringt: „Gemütlich“. Leider habe ich es nicht gefunden.

Versuchen Sie doch bitte einmal den Begriff „gemütlich“ in einem Gespräch in der deutschsprachigen Schweiz, an der Waterkant, in Mecklenburg oder in ähnlichen Sprachzonen zu verwenden – Sie werden Erklärungsversuche nötig haben, um den Begriffsinhalt verständlich zu machen.

Antwort von Dr. Sedlaczek

Das Wort „gemütlich“ ist mir in der Fachliteratur über die Sprachunterschiede zwischen dem österreichischem Deutsch und dem deutschem Deutsch nicht untergekommen. Ich vermute, Ihnen ist da etwas aufgefallen, was der Wissenschaft bisher durch die Lappen gegangen ist. Sehen wir uns die Eintragung im achtbändigen Duden an, die unterscheiden zwischen folgenden Bedeutungen: (a) eine angenehme, behagliche Atmosphäre schaffend (z. B. eine gemütliche Wohnung); (b) zwanglos gesellig, ungezwungen (z. B. ein gemütliches Beisammensein, jetzt beginnt der gemütliche Teil der Veranstaltung); (c) umgänglich, freundlich (z. B. ein gemütlicher alter Herr); (d) in aller Ruhe, gemächlich (z. B. ein gemütliches Tempo, gemütlich spazierengehen); (e) das Gemüt ansprechend, gemütvoll (hier wird aus Goethes Elegien der Ausdruck „gemütvolle Worte“ zitiert (anschließend scheinen durch einen Fehler im Satz einige Wörter verloren gegangen zu sein). Nirgendwo findet sich ein Vermerk, dass der Gebrauch regional beschränkt ist.

Fragt sich, in welchen von den 5 genannten Fällen die Verständigungsschwierigkeiten auftreten. Haben Sie eine Idee? Werde mich jedenfalls bei Freunden in Deutschland und bei Kollegen im Bereich der Wissenschaft erkundigen.

Zu „Bezirk“ und zu „Bürgermeister“:

Stichwort „Bezirk“: Alles fein, nur hat es sich bei den ehemaligen Kreis- (jetzt Landes-)gerichten nicht um Bundesgerichte I. Instanz gehandelt, sondern um Gerichtshöfe I. Instanz. Da in Österreich Angelegenheiten der Gerichtsbarkeit in Gesetzgebung und Vollziehung sowieso Bundessache sind, ist die Bezeichnung eines Gerichtes als Bundesgericht entbehrlich und insoweit irreführend, als es in Deutschland einen Bundesgerichtshof gibt und in den Vereinigten Staaten Bundesgerichte als Parallelstruktur zu den (einzel-)staatlichen Gerichten.

Stichwort „Bürgermeister“: Der Bürgermeister ist nicht nur Vorsitzender des Gemeinde-(oder Stadt-)rates, sondern auch eine (ausschließlich vollziehende) vom Kollegialorgan unabhängige Behörde, insbesondere Baubehörde erster Instanz.

Dr. Ulrich Schwab, Wels

Antwort von Robert Sedlaczek

Vielen Dank, bin sehr froh, dass ich diese Hinweise bekommen habe. Dass in Österreich die Bürgermeister auch Baubehörde erster Instanz sind, habe ich zwar irgendwo im Hinterkopf gehabt, bei der Abfassung des Beitrags aber leider nicht berücksichtigt. Ist meines Erachtens auch nicht unproblematisch, wie die Baugenehmigungen in Österreich geregelt sind ...

Zu „es geht sich aus“

Punkt 1) Ich möchte noch auf den Ausdruck „es geht sich aus“ oder „das geht sich aus“, oft auch verwendet als beruhigendes (umgangssprachliches) „des geht si(ch) scho(n) aus“ hinweisen, der in Deutschland (auch in Bayern) meiner Erfahrung nach völlig unbekannt ist. Punkt 2) Ein guter Input ist sicher auch das Buch des Duden-Verlages „Wie sagt man in Österreich“.

Antwort von Robert Sedlaczek

Die Phrase „es geht sich aus“ findet sich im Buch auf S. 34. „Wie sagt man in Österreich“ war für mich eine wichtige Quelle, ich schätze auch den Autor Jakob Ebner sehr.

Zu „Erdapfel“

Die „Erdäpfel“ heißen im Dialekt des Inneren Salzkammergutes „Ächbon“, was wahrscheinlich von „Erdbohne“ kommt. Außerhalb dieser doch eher kleinen Region bin ich mit diesem Begriff nur auf verständnisloses Kopfschütteln gestoßen (und, wohl als Folge davon, in zunehmendem Maße auch hier, vor allem in weniger ländlichen Gebieten oder bei der Jugend). Wäre interessant, ob eine ähnliche Konstruktion auch noch in einem anderen Teil des deutschen Sprachraums vorkommt.

Franz Binder, Ischl

Antwort von Robert Sedlaczek

Es heißt vermutlich „Erdbirn“, bei undeutlicher Aussprache kann man auch auf die Idee kommen, dass „Erdbohne“ gemeint ist. „Erdbohne“ erscheint mir unwahrscheinlich, weil meist „Apfel“, „Birne“ als Bezeichnung für die Knolle herhalten. „Bohnen“ sind wohl auch zu klein, um in diesem Zusammenhang verwendet zu werden. „Erdbirne“ ist regional im deutschen Sprachraum nicht ungewöhnlich.

Zu „Christkindlmarkt“:

Der Weihnachtsmarkt in Nürnberg heißt nach meinem Wissen „Christkindlesmarkt“. Mit großem Vergnügen und Wissensgewinn habe ich als Bayer und ¼-Österreicher das Buch gelesen. Vielen Dank für die Mühe.

Bernhard Pollwein, München

Antwort von Robert Sedlaczek:

Vielen Dank für den Hinweis. Auf google.de findet man für „Nürnberger Christkindlesmarkt“ in etwa gleich viele Belege wie für „Nürnberger Christkindlmarkt“. Wahrscheinlich sollten in meinem Buch beide Formen vermerkt sein.

Zu verschiedenen Stichwörtern:

Großartig, nicht nur meine häufigen Besuche in Wien werden erleichtert, auch die Beziehung zu meinem Herzblatt hat sich vereinfacht. Bestimmt haben Sie Nörgler wie ich schon aufmerksam gemacht: S. 200: Es darf nicht „Bundesrat“ heißen, sondern „Bundestag“, im Bundesrat gibt es keine Fraktionen; S. 178: Wenn man sich nur an TV-Krimis orientiert, ist es in Ordnung, ansonsten sind die Titel „Inspektor“ bei der österreichischen Polizei und „Kommissar“ in Deutschland vom Rang her nicht identisch; S. 237: Richtig ist: Der Magister entspricht dem Studienabschluss „Diplom“, je nach Tradition und Fakultät gibt es auch bei uns den M. A., wir setzen den Titel nach dem Namen und die Anrede, die ich extrem witzig finde, gibt es nicht; S. 232: Wir spielen 6 aus 49 und gewinnen auch nicht; S. 375: Der höchste Beamte ist bei uns der beamtete Staatssekretär, Ministerialdirektoren sind (beim Bund) Abteilungsleiter, Ministerialdirigenten sind Unter-Abteilungsleiter, das Referat ist der Abteilung untergeordnet.

Und dann vermisse ich meinen Lieblingsausdruck: „präpotent“, der allerdings langsam, dank der Süddeutschen Zeitung, auch in Deutschland Mode wird.

Jetzt nehme ich noch meinen Mantel vom Bügel, denk an den Haken und lob Sie nochmals. Danke.

Antwort von Robert Sedlaczek

Vielen Dank für die Durchsicht des Buches und für Ihr Lob. Hier meine Kommentare: S. 200: Sie sind der erste, der diesen Fehler entdeckt hat; S. 178: Ich habe bei diesem Stichwort österreichische Kriminalpolizisten kontaktiert. Sie haben mir lange Listen mit den österreichischen Titeln gemailt. Bei dem Stichwort geht es um jene Polizisten, die Kapitalverbrechen aufklären. Mir wurde gesagt, grob gesprochen ist das in Deutschland ein Kommissar, in Österreich ein Inspektor (Gruppeninspektor etc. – ich zähle sie alle auf). Eine genaue übereinstimmung ist nicht gegeben, das ist mir klar. Ich ärgere mich immer, wenn die österreichischen Zeitungen die Darstellerin einer Inspektorin in einem in Österreich spielenden Fernsehkrimi als „TV-Kommissarin“ bezeichnen. S.: 237: Ich werde das in Ihrem Sinn ergänzen; S. 232: Auf den Fehler bin ich bereits hingewiesen worden, er ist mir peinlich; S. 375: In Österreich ist das recht einfach, da ist der Staatssekretär kein Beamter, sondern ein „Schmalspurminister“. In Deutschland gibt es aber beamtete (politische) Staatssekretäre und parlamentarische Staatssekretäre. Das diesbezügliche Stichwort auf Wikipedia, ein Internetlexikon, das ich weiterempfehlen möchte, ist schon recht aufschlussreich, wenngleich dort noch steht: „Dieser Artikel bedarf einer überarbeitung.“ Ich warte das ab …

Der Rechtschreib-Duden hat „präpotent“ mit der als „veraltet“ angegeben Bedeutung „übermächtig“. Dann steht: „österreichisch für überheblich, aufdringlich“. Dass „präpotent“ „überheblich“ bedeutet, ist schon richtig, die Bedeutung „aufdringlich“ ist mir völlig fremd. Das Österreichische Wörterbuch definiert „präpotent“ als „überheblich, unverschämt“. Das ist korrekt. Danke für den Hinweis auf den Bedeutungsunterschied, der wohl zu nicht unbeträchtlichen Missverständnissen zwischen Deutschen und Österreichern führen kann.

Zum grammatikalischen Geschlecht des Wortes „Radler“ (= Getränk aus Bier und Limonade):

Vielen Dank für Ihr interessantes Buch. Sie weisen darauf hin, dass der Begriff „Radler“ hauptsächlich in Österreich und Bayern verwendet wird. Ein Unterschied bestünde Ihrer Aussage nach jedoch im Artikel: „Radler“ sei im österreichischen Gebrauch maskulin („der Radler“), jedoch im Bayerischen feminin („die Radler“). Ihre Feststellung über die bayerische Verwendung ist jedoch falsch. Auch in Bayern ist der Begriff „Radler“ ausschließlich maskulin.

Auch die Herleitung der vermeintlich femininen Eigenschaft dieses Wortes ist nicht nachvollziehbar. In Bayern ist entweder die Rede von „Der Radler“ oder „Die Radler-Maß“ oder „Die Radler-Halbe“. Keineswegs ist deshalb „Radler“ feminin! Generell finde ich Ihr Buch jedoch äußerst interessant.

Tobias Fries (Ebersberg, Oberbayern)

Antwort von Robert Sedlaczek:

Ihr Posting überrascht mich. Univ.Prof. Ludwig Zehetner, er zählt zu den besten Kennern der Sprachgepflogenheiten in Bayern, vermerkt in seinem Buch „Bairisches Deutsch“ den Ausdruck „die Radler“ als Abkürzung für „die Radlermaß“ und versieht den Artikel des Wortes mit einem Rufzeichen (= Ausrufezeichen).

In Herbert Fussys Buch „Auf gut österreichisch. Ein Wörterbuch der Alltagssprache“ wird „der Radler“ als österreichische Besonderheit gesehen, allerdings mit dem Hinweis „auch süddeutsch“ – das deckt sich also mit Ihren Erfahrungen. Dass man in Österreich „der Radler“ sagt, kann ich ja bestätigen. Das scheint sogar für jene Gebiete Österreichs zu gelten, wo „die Halbe“ gebräuchlich ist. (In Wien und im Umkreis der Stadt sagt man ja „das Krügerl“!)

Zur Kontrolle habe ich auch noch einmal im Internet nachgesehen und „Radler“ in die Suchmaschine Google eingegeben, und siehe da: meist findet man „das Radler“, also sächliches Geschlecht! Auch das vor kurzem erschienene „Variantenwörterbuch des Deutschen“ – hier handelt es sich um die Ergebnisse eines mehrjährigen wissenschaftlichen Forschungsprojekts – vermerkt für Ö „der Radler“ und für D „das Radler“ mit dem Vermerk „ohne den Nordwesten (Deutschlands)“. Ist damit gemeint, dass man dort „Radler“ mit einem anderen grammatikalischen Geschlecht versieht oder überhaupt ein anderes Wort verwendet?

Ich habe keinen Zweifel, dass Sie den Sprachgebrauch Oberbayerns kennen und korrekt wiedergeben. Das grammatikalische Geschlecht des Wortes gibt aber nach wie vor Rätsel auf, vor allem was die regionale Verteilung der einzelnen Varianten anlangt. Ich bin Ihnen jedenfalls für Ihren Hinweis sehr dankbar. Falls Sie etwas Neues in Erfahrung bringen, lassen Sie es mich bitte wissen.

Zu „innert“:

In seinem Beitrag „Unterschiede im Bereich der Amtssprache“ meint Herr DI Günther Prechter, ein Architekt, der in München geboren wurde, in Augsburg studiert hat und jetzt in Bregenz lebt, diese Präposition sei ein Austriacum. Sie ist aber ein Helveticum, das nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Liechtenstein und Vorarlberg, ja sogar außerhalb des alemannischen Raumes – auf jeden Fall in Tirol – verwendet wird. Das gleichbedeutende Wort „innerhalb“ ist nicht „deutsches (deutschländisches, bundesdeutsches) Deutsch“, sondern Gemeindeutsch. Es wird im größten Teil Österreichs – z. B. in meinem Heimatland Niederösterreich – verwendet. Das Wort „innert“ ist hier völlig ungebräuchlich.

Dr. Anton Karl Mally, Mödling

Antwort von Robert Sedlaczek

Vielen Dank. Ich würde mir den Beitrag von Herrn Prechter gern ansehen. Wo ist er erschienen?

Zu verschiedenen Themen:

Die Auszüge aus Deinem Buch sind sehr interessant und gefallen mir. Besonders gut gefällt mir, daß Du auch versuchst, die Geschichte und Herkunft der Wörter zu erklären. Was mir als Bayer weniger gefällt, ist die Definition des deutschen Deutsch. Du hast natürlich leider Recht, dass sämtliche Filme in Norddeutsch vertont werden und dass das Norddeutsche in den Medien dominiert. Warum allerweil das Norddeutsche bevorzugt wird und man ständig versucht, die süddeutschen Sprachen zu unterdrücken und als etwas Schlechteres darzustellen, ist mir unklar. (Zwegn dera norddeitschn Dominanz is des fia mi no lang koa deitschers Deitsch oda gor ebbas bessers.)

Ja, ich weiß, Du willst das Bairische oder Bairisch-Österreichische nicht abwerten, aber wenn man als Bayer das „Preißische“ als „deutsches Deutsch“ lesen muß, kommt einem das Grausen. Es wäre am End schöner, wenn bei den nord- und mitteldeutschen Ausdrücken keine deutsche Fahne stehen würde, sondern ein anderes Symbol. Wenn die deutsche Fahne unbedingt da bleiben muß, wäre bei Übereinstimmungen des Bairisch-Österreichischen und des Altbayerischen, ein kleines weißblaues Wappen neben der Österreichischen Fahne schön ;)

Noch drei kleine Anmerkungen: (1) „trensen“. Das Wort wird bei uns verwendet, wenn jemand etwas heruntertropfen läßt oder wenn jemanden etwas aus dem Mund rinnt. Damit kann weinen (da tropft ja auch etwas), schluchzen, volltropfen, kleckern und sabbern gemeint sein. Es gibt wohl auch die Bedeutung von trödeln und trischeln. Die ist mir aber im Münchner Raum weniger bekannt. (2) sich verkühlen/verkälten: Wird in Oberbayern beides verwendet, wobei verkälten noch direkter mit dem Krankwerden verbunden ist. „Schau, daß Di net verkühlst, sunst verkältst Di no.“ (3) Dutte[n], Dutteln, Tutte: Wird im Altbayerischen auch verwendet.

Pfiat Gott

Roland

Antwort von Robert Sedlaczek

Lieber Roland. Vielen Dank für Deine ausführliche Stellungnahme. Du hast natürlich Recht, die Sprache Bayerns ist mit der Sprache Österreichs eng verwandt. Ich habe auch überlegt, wie ich das im Buch mit entsprechenden Fahnen oder Wappen zum Ausdruck bringen kann, hab aber keine praktikable Lösung gefunden, die mit einem halbwegs vernünftigen Aufwand machbar gewesen wäre. Für einen österreichischen Leser sind die Nationalflaggen sicher die ausdrucksstärkste Variante. Sofern mir der Sprachgebrauch in Bayern bekannt war, habe ich aber im Text darauf hingewiesen. Ich kann Dir in diesem Zusammenhang das Buch “Bairisches Deutsch“ von Ludwig Zehetner empfehlen. Zehetner hat ein großartiges baierisches Lexikon verfasst, ebenfalls mit Etymologien; es enthält außerdem ein norddeutsch-bayerisches „Umkehrwörterbuch“.