Die Pressestimmen

Auszüge aus Rezensionen der Printmedien und aus TV- und Hörfunkberichten:

Doris Vettermann, Kronenzeitung, 21. August 2004:

Die Unterschiede der gemeinsamen Sprache: „Können stolz auf unser Österreichisch sein!“

Der „Marmeladenkrieg!“ Wer erinnert sich nicht an die Streitereien mit der EU, weil heimische Bauern keine „Konfitüre“ verkaufen wollten? Doch Marmelade bleibt Marmelade! Nur eines von vielen österreichischen Wörtern, wie sie nun in einem neuen Buch vorgestellt werden.

„Stolz auf unsere Sprache“ ist Robert Sedlaczek, Autor von „Das österreichische Deutsch“. In unzähligen Beispielen erklärt er, warum Österreichisch nicht nur eine Mundart des Deutschen ist, sondern Teil unserer Identität und Kultur. Von „Sessel und Stuhl“, über „Kasten und Schrank“ bis zu „Fasching und Karneval“ erfährt man alles über die großen und kleinen Unterschiede der gemeinsamen Sprache. Und mit dem Österreichischen lösen sich viele Unklarheiten der Rechtschreibreform wie von selbst in Luft auf ...

Eva Klimek berichtet in der ZIB 1 am 15. September 2004, Moderatorin ist Clarissa Stadler.

Clarissa Stadler: Ein neues Buch zeigt jetzt die Besonderheiten der österreichischen Sprache. Der Wiener Autor Robert Sedlaczek hat 1.300 kleine Unterschiede aufgelistet, von der „Apfelsine“ bis „Zwutschkerl“ und von der „Palatschinke“ gar nicht zu reden.

Eva Klimek: „Der Österreicher unterscheidet sich vom Deutschen durch die gemeinsame Sprache“, so brachte es Kabarettist Karl Farkas auf den Punkt. (...) Der feine Unterschied beginnt bekanntlich beim Essen. In Deutschland sagt man „Grüne Bohnen“, in Österreich „Fisolen“, „Bohnschoten“, „Strankale“. (...) Autor Robert Sedlaczek schätzt, dass es etwa 10.000 unterschiedliche Ausdrücke gibt. Aber das will der Duden nicht wahr haben. Er neigt dazu, den Norden als Norm und den Süden als Abweichung zu begreifen. Sedlaczek: „Es gibt die deutsche Sprache in mehreren Varianten. Es gibt ein deutsches Deutsch, es gibt ein österreichisches Deutsch. Mir ist es darum gegangen zu zeigen, dass das österreichische Deutsch ebenbürtig und gleichwertig ist.“ Wird unsere Sprache amputiert, verlieren wir unsere Identität, sorgen sich österreichische Autoren und wollen das österreichische Deutsch in der neuen Verfassung verankert sehen. Marleene Streeruwitz: „Mir wäre es gleichgültig, ob es ,das österreichische Deutsch‘ oder ,Österreichisch‘ heißt. Aber ich denke: Das Österreichische sollte in die Verfassung! Es ist eine eigene Sprache!“

Frage an Clarissa Stadler: Woher kommt eigentlich dieser plötzliche Wunsch nach einer eigenen sprachlichen Identität?

Clarissa Stadler: Jetzt in Zeiten zunehmender EU-Normierungen scheint das Bewusstsein für eine eigene Sprache größer geworden zu sein. In dieser Diskussion gibt es aber auch Stimmen, die vor Nationalismus und provinzieller Eigenbrötelei warnen.

Der Online-Standard bringt am 16. September 2004 eine Meldung der Austria Presse Agentur.

Was Karl Kraus so wohl nicht gesagt hat

Leitfaden durch „Das österreichische Deutsch“ präsentiert

Wien – „Der Österreicher unterscheidet sich vom Deutschen durch die gemeinsame Sprache!“ Häufig wird dieses Zitat Karl Kraus zugeschrieben. Falsch, sagt Robert Sedlaczek. Er hat die EDV-Erfassung aller Kraus-Texte konsultiert und das entsprechende Zitat nicht gefunden. Wirklich nachweisbar sei der Satz erst in Kabarettprogrammen von Karl Farkas. Sedlaczek nimmt es mit der Sprache genau. Schon von Berufs wegen. Von 1989 bis 2003 war der studierte Germanist, Anglist und Publizist Geschäftsführer des Österreichischen Bundesverlags. Jetzt hat er bei Ueberreuter ein Handbuch herausgebracht, „Das österreichische Deutsch“, das am Donnerstag in der Österreichischen Nationalbibliothek präsentiert wurde. Das eingangs erwähnte Zitat steht als Motto dem Buch voran.

Norden als Norm, Süden als Abweichung

Schon als Student, als er für eine in Österreich tätige internationale Nachrichtenagentur arbeitete, wurden ihm immer wieder hierzulande geläufige Ausdrücke aus seinen Meldungen herausredigiert, erzählt Sedlaczek. Später im Verlagsgeschäft stieß er immer wieder bei deutschen Vertriebspartnern auf Verständnisprobleme. „Österreichisch ist keine eigene Sprache, das zu behaupten wäre völlig falsch. Aber es gibt die deutsche Sprache in zwei Ausformungen: ein deutsches Deutsch und ein österreichisches Deutsch. Der Duden neigt dazu, den Norden als Norm zu begreifen und den Süden als Abweichung. Mir geht es darum, die Gleichwertigkeit zu zeigen. Was in Österreich gesprochen wird, ist keine Abartigkeit des Deutschen.“

Mehr als 1.300 Ausdrücke und Redensarten aus dem österreichischen Deutsch listet Sedlaczek auf und stellt sie (kenntlich gemacht durch kleine Länder-Fähnchen) ihren deutschen Pendants gegenüber. „lei(n)wand, bärig, klass“ tritt gegen „toll, klasse, geil, knorke“ an, „Zwutschkerl“ trifft auf „Krümel, kleiner Wicht, Murkel“, das „Bussi“ auf das „Küsschen“, der „Sessel“ auf den „Stuhl“. Zahlreiche vierfärbige Illustrationen aus Medien und Werbung dienen als Belege und sollen dem Werk den Charakter eines Hausbuches verleihen, das auch zum Schmökern einlädt. Fast 500 Seiten umfasst das Buch, „es könnte allerdings auch doppelt so dick sein“, versichert der Autor, der weiß, dass seine Sammlung nur eine Momentaufnahme darstellt. Denn obwohl viele der aufgelisteten Unterschiede sehr alt sind (und Sedlaczek liefert eingehende etymologische Hintergründe), entwickeln sich Sprache und Sprachgebrauch rasch weiter.

Perfekt wandert nordwärts

Er hege keine Angst vor einem zunehmenden sprachlichen Hegemonismus des Nordens, versichert Sedlaczek, im Wortschatz gebe es einen Austausch zwischen Norden und Süden und umgekehrt. Während man bei uns dank deutscher Privatsender etwa manches bereits „lecker“ fände, sei zum Beispiel der „Strudel“ auch im Norden heimisch geworden. Noch viel massiver sei es bei der Grammatik, der das Buch ein eigenes Kapitel widmet. Das in Österreich häufig verwendete Perfekt habe mittlerweile sogar in „Spiegel“-Gesprächen Einzug gehalten. „Mit dem EU-Beitritt ist das Interesse an der österreichischen Identität stark gewachsen“, glaubt Sedlaczek an den richtigen Zeitpunkt für sein Buch. „Man ist sensibilisiert für das Thema.“ Während mit dem berühmten Protokoll Nr. 10 1994 nur 23 österreichische Begriffe in die EU-Amtssprache aufgenommen wurden (übrigens alle, einschließlich der „Marille“, aus dem kulinarischen Bereich), gibt es in einer EU-Datenbank 4.000 österreichische Ausdrücke, die den Dolmetschern das Verständnis erleichtern sollen. „Ich glaube nicht, dass man von staatlicher Seite einen Sprachgebrauch vorschreiben kann und soll. Wenn die Politik etwas machen kann, dann sind es Aktionen im Bereich des Bewusstseins. Wir sollten uns auch davon frei machen, dass die österreichische Variante Umgangssprache ist, die norddeutsche die Hochsprache.“ Die österreichische Sprachvariante habe zudem einen sehr hohen Sympathiewert auch im Norden Deutschlands. Das Buch ist daher als bewusstseinsbildende Maßnahme zu verstehen: „Wenn die Leute nach der Lektüre das Gefühl haben, ,Wir können stolz auf unsere Sprache sein!‘, dann wäre schon viel gewonnen.“ (APA)

Uwe Mauch, Kurier, 17. Sept. 2004

Österreichisches Deutsch: Ein Wiener kämpft mit einem neuen Wörterbuch um seine Gleichwertigkeit. Mächtiger Gegner ist die Mannheimer Duden-Redaktion.

Am österreichischen Patschen lässt sich die Denkweise der Duden-Redaktion, die in Mannheim über die deutsche Sprache wacht, gut illustrieren: In der 23. Auflage des Dudens wird der Patschen so erklärt: österreichisch für Hausschuh bzw. Reifendefekt. Dagegen ist an sich nichts einzuwenden, würden aufmerksame Leser nicht wenige Seiten später über den Platten stolpern. Wer ihn nicht kennt: So sagen vor allem die Norddeutschen zum Patschen. Doch das verschweigen uns die Nachfolger von Konrad Duden. Als umgangssprachlich gilt für sie nur der Patschen, den Platten lassen sie indes als Hochsprache gelten.

„Kolonialdenken“ wirft der Wiener Germanist Robert Sedlaczek der deutschen Duden-Redaktion vor. Bei der Präsentation seines neuen Wörterbuchs „Das österreichische Deutsch“ lud er seine österreichischen Landsleute dazu ein, selbstbewusster mit der eigenen Sprache umzugehen. „Die moderne Sprachwissenschaft geht davon aus, dass es die deutsche Sprache in verschiedenen Ausformungen gibt“, so Sedlaczek. „Die österreichische Variante ist demnach gleichwertig mit dem deutschen Deutsch.“

Der ehemalige Mitarbeiter von Bruno Kreisky und langjährige Geschäftsführer des Österreichischen Bundesverlags will jedoch mit seinem neuen Buch keine Anti-Piefke-Diskussion beginnen. Er tritt viel mehr für die friedliche Koexistenz und Beibehaltung der regionalen Unterschiede ein: „Wir Germanisten nennen dies das plurizentrische Konzept“.

Der mit der Sprache täglich Konfrontierte hat sich bereits als junger Mitarbeiter einer internationalen Nachrichtenagentur dem österreichischen Deutsch verschrieben. Als ihm sein damaliger Chef, ein Deutscher, beinhart jedes s aus dem Wort weiters strich.

„In der Duden-Redaktion begreift man das österreichische Deutsch weiterhin als Abart“, kritisiert Sedlaczek. „Nach dem Prinzip: Deutsches Deutsch ist die Hochsprache, österreichisches Deutsch nur kursiv und in Klammer.“ Beim Durchblättern des Normwerks ist der Sprachwissenschafter auf weitere interessante Interpretationen gestoßen: „Die Habsburger sind laut Duden ein deutsches Adelsgeschlecht.“

Der rot-weiß-rote Umschlag seines Wörterbuchs ist auch als Signal zu verstehen: Vorrang für die in Mannheim oft ausgebremsten Austriazismen! Zuerst wird der Wurschtel angeführt, dann erst der Hanswurst. Und auf den Pullermann stößt auch nur, wer sich zuvor für das Zumpferl interessiert hat.

Nichts sei dagegen einzuwenden, betont Sedlaczek, wenn die Österreicher auch die deutschen Äquivalente kennen: „Durch das Fernsehen und all die deutschen Synchronisationen sind wir sowieso zweisprachig.“ Mit stiller Freude beobachtet der Sprachwissenschafter weiter(s), dass die gestrengen Redakteure des Nachrichtenmagazins Der Spiegel zuletzt immer wieder in Interviewpassagen das nicht nur in Österreich, sondern auch in Süddeutschland als Erzählform gebräuchliche Perfekt („hat erklärt“, „ist gestolpert“) gelten ließen. Für Sedlaczek „eindeutig eine Innovation, die aus dem Süden kommt.“

Petra Rathmanner, Wiener Zeitung, 18. Sept. 2004

„Das österreichische Deutsch“ ist ein anekdotenreiches Handbuch über die kleinen Unterschiede und deren große Bedeutung.

Wie kam das Wort „Kartoffel“ nach Wien? Warum sagen wir lieber „Marille“ statt „Aprikose“? Wieso verwendet man in Hamburg seit neuestem die Füllwörter „halt“ und „eh klar“? Robert Sedlaczek beschäftigt sich in seinem jüngsten Buch „Das österreichische Deutsch“ erneut mit der Frage, wie sich die Österreicher von den Deutschen durch die gemeinsame Sprache unterscheiden. „Das österreichische Deutsch“ ist ein anekdotenreiches Handbuch über die kleinen Unterschiede und deren große Bedeutung. Die „Wiener Zeitung“ traf den Autor.

Wiener Zeitung: Die ewige Diskussion um das „österreichische Deutsch“ – ist das nicht auch kleingeistige Haarspalterei?

Robert Sedlaczek: Im Gegenteil. Es geht um die sprachliche Selbstbehauptung, um die Sprache als Teil der eigenen Identität. Das Buch bringt zum Ausdruck, dass die deutsche Sprache insgesamt „plurizentrisch“ ist, das heißt, dass sie aus mehreren Zentren besteht, die gleichwertige Varianten und Sprachfärbungen hervorbringen. Das ist eine Einsicht, die auch die moderne Wissenschaft vertritt. Während im Rechtschreib-Duden geradezu noch koloniales Denken mitschwingt: Nicht selten wird darin das Norddeutsche zur Norm erklärt, bereits das Süddeutsche und erst recht das österreichische und schweizerische Deutsch werden als Abweichung von der Norm definiert – eine für uns nicht gerade schmeichelhafte Sichtweise. Vielleicht rührt auch daher das Gefühl, dass Norddeutsche ein schöneres Deutsch sprechen. Was aber keineswegs gerechtfertigt ist.

Wiener Zeitung: Wo liegen die größten Unterschiede zwischen deutschem und österreichischem Deutsch?

Robert Sedlaczek: Viele glauben, dass die Unterschiede nur im Dialekt liegen, das ist aber nicht wahr. Die Differenzen betreffen alle Sprachebenen: Dialekt, Umgangssprache und auch die Hochsprache. Am auffälligsten sind die Unterschiede im Wortschatz, aber wir unterscheiden uns auch in den Bereichen Grammatik, Aussprache und Sprachmelodie. Viel zitiertes Beispiel im Bereich Wortschatz ist die Marille: Sie kommt nur in Österreich und Südtirol vor, ist hier aber hochsprachlich, in Bayern sagt man bereits Aprikose. Allein im offiziellen Handbuch für EU-Übersetzer wurden rund 4.000 Begriffe festgehalten; ich habe mich dagegen auf 1.300 beschränkt, die das österreichische vom deutschen Deutsch unterscheiden. Die Österreicher neigen überdies dazu, Ausdrücke des deutschen Deutsch zu bevorzugen, weil sie vermeintlich „feiner“ klingen als Wendungen des österreichischen Deutsch. Dabei ist es doch schade um die Vielfalt, die so verloren geht. Unweigerlich führt das zu einer Verarmung der Sprache. Mir geht es darum, dass die kleinen Unterschiede erhalten bleiben.

Wiener Zeitung: Woher rührt Ihre Leidenschaft für diesen akribischen Umgang mit der Sprache?

Robert Sedlaczek: Wahrscheinlich kann sich jeder, der sich für Sprache interessiert, auch für einzelne Wörter, deren Herkunft, Bedeutung und exakter Verwendung begeistern. Aber auch mir war lange Zeit gar nicht bewusst, welche Ausdrücke überhaupt aus dem österreichischen Deutsch kommen. Erst als ich Mitte der 70er Jahre als junger Student bei einer Nachrichtenagentur zu arbeiten begann, war ich mit einem Schlag damit konfrontiert, dass sich, wie man so sagt, die Österreicher von den Deutschen durch die gemeinsame Sprache unterscheiden: Der Redakteur, der meine Artikel redigierte, war nämlich Deutscher. Er hat mir beim Wort „weiters“ regelmäßig das „s“ herausgestrichen, „hiezu“ ersetzte er durch „hierzu“; statt „zweifärbig“ sollte es „zweifarbig“ heißen, auch bei „nützen“ hat ihn der Umlaut gestört, es musste „nutzen“ sein. Ein „Stockwerk“ wurde zur „Etage“. Später, als Verleger, hat mich das Problem wieder eingeholt.

Wiener Zeitung: Wo liegen die Probleme in der Verlagspraxis?

Robert Sedlaczek: Da stellt sich die Frage, wie Bücher lektoriert werden sollen. Viele österreichische Autoren beklagen sich zu recht darüber, dass deutsche Lektoren versuchen, bestimmte Wörter durch Begriffe aus dem deutschen Deutsch auszutauschen. Folgende Ausdrücke stehen, laut einer Umfrage, immer wieder auf der Abschussliste: „Bub“ wird durch „Junge“ ersetzt, „Kasten“ durch „Schrank“, „Stiege“ durch „Treppe“, „Jänner“ durch „Januar“, „Polster“ durch „Kissen“, „Semmel“ durch „Brötchen“ und „Sessel“ durch „Stuhl“. Dasselbe Problem stellt sich bei Übersetzungen oder bei Film- und Fernsehsynchronisationen. Slangausdrücke werden meistens in norddeutsche Dialekte übertragen, daher sind den Österreichern Ausdrücke des deutschen Deutsch viel geläufiger als umgekehrt. Wir sind, ohne es zu wissen, „zweisprachig“ aufgewachsen. Wir können sehr wohl mit Ausdrücken des deutschen Deutsch etwas anfangen und verwenden diese auch oft. Verständigungsschwierigkeiten gibt es eher auf Seiten der Deutschen.

Wiener Zeitung: Ein Beispiel?

Robert Sedlaczek: Denken Sie etwa an die „Piefke-Saga“ von Felix Mitterer. Da gibt es einen Tiroler Burschen namens Joe, der sich in Sabine, die Tochter eines Berliner Unternehmers, verliebt. Als sich die beiden nach langer Zeit endlich wieder sehen, kommt es zu folgendem Dialog:

Joe: Du bist mir abgegangen!

Sabine: Was?

Joe: No, abgangen bist mir! Furchtbar ist des! Mir werd‘n uns nie versteh‘n! Gefehlt hast mir!

Wiener Zeitung: Sind derzeit größere Veränderungen im unterschiedlichen Sprachgebrauch zu beobachten?

Robert Sedlaczek: Zur Zeit gibt es geradezu dramatische Verschiebungen: Wörter wandern vom Norden in den Süden und umgekehrt. Das ursprünglich norddeutsche Wort „Sauerkohl“ ist praktisch zur Gänze vom süddeutschen „Sauerkraut“ verdrängt worden. Typisch österreichische umgangssprachliche Ausdrücke wie „eh klar“ oder „halt“ sind mittlerweile sogar in die norddeutsche Hochsprache integriert. Während das norddeutsche „lecker“ längst bei uns heimisch ist. „Lecker“, auch wenn es für meine Ohren fremd klingt, ist ein überaus funktionstüchtiges Wort: Es drückt sowohl Geschmacksempfindungen als auch das Aussehen von Speisen aus: „Etwas schmeckt lecker“, beziehungsweise: „Die Torte sieht lecker aus“. In dem Moment, wo ein Wort eine Lücke füllt, hat es große Chancen, sich durchzusetzen. Man sieht: Die Sprachgrenzen sind durchlässig geworden. Auch die Übergänge von Mundart zur Hochsprache sind fließend. Jüngstes Beispiel: Die „Hacklerregelung“ taucht in allen Medien auf, und ist seither Teil des allgemeinen Sprachgebrauchs.

Wiener Zeitung: Sie haben in Ihrem Buch auch etymologische Forschungen betrieben.

Robert Sedlaczek: Man kann sich unter einem Wort mehr vorstellen, wenn man weiß, woher es kommt. Wir haben im Österreichischen viele Wörter, die aus dem Italienischen kommen, denken Sie nur an die Marille. Während in Deutschland eher Ableitungen aus dem Französischen oder Niederländischen gängig sind – wie die Aprikose. Einige norddeutsche Ausdrücke sind in der Zeit des Nationalsozialismus nach Österreich gekommen. Das Wort „Kartoffel“ ist dafür ein Beispiel, umgangssprachlich hat man in Österreich immer Begriffe wie „Erdapfel“, „Erdbirne“ oder „Grundbirne“ verwendet. Als im Zuge der Lebensmittelrationierungen während des Zweiten Weltkriegs so genannte „Kartoffelkarten“ ausgegeben worden sind, hat der neue Begriff „Kartoffel“ dem heimischen „Erdäpfel“ kräftig zugesetzt.

Wiener Zeitung: Beliebt ist bei gewissen Sprachpolizisten auch das Zetern gegen Anglizismen.

Robert Sedlaczek: Ich kann mit E-Mail und Co. gut leben. Ich glaube nicht, dass es sinnvoll wäre, zwanghaft deutsche Übersetzungen zu finden, mir geht es eher um ein Bewusstsein für den Reichtum der Sprache. Wogegen ich allerdings bin: Wenn englische Ausdrücke verwendet werden, wenn es ohnehin deutsche gibt. Ein Beispiel aus der Werbung: Man verwendet „Card“ statt „Karte“, weil man der irrigen Auffassung ist, das klinge pfiffiger.

Doris Vettermann, Kronenzeitung, 18. September 2004

Ein neues Buch macht deutlich, dass wir stolz auf unsere eigenen Wörter und unsere Grammatik sein können.

Seite 1: Der neueste Beitrag zur aktuellen Diskussion um die Rechtschreibung und um unsere Sprache ist ein durch und durch österreichischer: Ein Wörter-, Hand- und Schmökerbuch zeigt die großen und kleinen Unterschiede zwischen den verschiedenen Deutsch-Arten auf (Bericht im Österreich-Teil).

Seite 10: „Zuckerl“ und „Bonbon“, „Marmelade“ und „Konfitüre“, „Sessel“ und „Stuhl“ – nur einige Beispiele dafür, dass sich Österreicher von den Deutschen durch die gemeinsame Sprache unterscheiden. Ein neues Buch macht deutlich, dass wir stolz auf unsere eigenen Wörter und unsere Grammatik sein können ...

Der Duden war für ihn schon immer ein großes Ärgernis, und auch die Rechtschreibreform hält er für wenig geglückt – da lag es nahe, dass Autor Robert Sedlaczek seinen eigenen Beitrag zur aktuellen Diskussion um unsere Sprache liefert. In seinem Werk „Das österreichische Deutsch“ erfährt man alles über kleine und große Unterschiede, über unsere Grammatik und auch über neue Zeiten, die sich in der alltäglichen Kommunikation schon längst durchgesetzt haben. Was Sedlaczek sowie heimischen Experten der „Schule für Dichtung“ wichtig ist: „Österreichisch ist keine Mundart des Deutschen und auch kein Anhängsel des Bayrischen.“

Eva Male, Die Presse, 18. September 2004

Ein neues Handbuch als Nachschlagewerk zum „Österreichischen Deutsch“

„Es ist die Sprache, die Identität stiftet. Dies gilt ganz besonders für den kleineren der zwei Nachbarstaaten mit ,gemeinsamer Sprache‘. In Eisenstadt, Innsbruck oder Klagenfurt spricht man eben anders als in Frankfurt am Main, Hamburg oder Berlin, wobei selbst die Hochsprache/Schriftsprache spezifisch gefärbt ist.“ Wieder einmal geht es um „österreichisches Deutsch“. Unter diesem Titel ist im Ueberreuter-Verlag ein Buch von Robert Sedlaczek erschienen, früher Kreisky-Mitarbeiter und langjähriger Geschäftsführer des Österreichischen Bundesverlages. Es soll kein trockenes Wörter-, sondern ein „illustriertes Handbuch“ sein und ist 495 Seiten schwer, in rot-weiß-rotem Umschlag. Es ist der Versuch, über die bisher übliche Auflistung von Regionalismen hinaus, österreichischen Begriffen (hoch-, umgangssprachlich oder mundartlich) die Entsprechung des deutschen Deutsch gegenüberzustellen.

Etwa dem Leintuch das Bettlaken, dem Knödel den Kloß, dem Erlagschein den Einzahlungsschein. Oder, wie im Fall des „Lurch“ (Staub), das bundesdeutsche Feld freizulassen. Keineswegs trocken, aber dennoch: ein Wörterbuch, ein Lexikon zum Nachschlagen.

Das theoretische „Unterfutter“ ist indes auf knappe zehn Seiten beschränkt. Dabei wird immerhin klar gestellt, dass es sich beim österreichischen Deutsch nicht um eine eigene Sprache handelt, sondern eine Varietät des Deutschen. In der öffentlichen Diskussion besteht ja oft Unklarheit darüber, was österreichisches Deutsch sei. Zuletzt wurde das Thema virulent, als eine Gruppe von Autoren forderte, es als Staatssprache in der Verfassung zu verankern. Dass dies sinnvoll wäre, wird vielfach bezweifelt. Etwa vom Kärntner Sprachwissenschaftler Heinz Dieter Pohl. „Die sprachliche Abgrenzung zwischen Österreichisch und Deutsch ist nicht so einfach, wie man es sich vorstellt. Das österreichische Deutsch hat unbestritten seine Eigenheiten, ist aber selbst nicht einheitlich.“ Wien sei wohl der wichtigste Teil davon, „aber eben nur ein Teil“. Auch werde die „Anderssprachigkeit“ hauptsächlich in der gesprochenen Sprache des Alltags realisiert. Probleme ortet Heinz Dieter Pohl auch im österreichischen Sprachbewusstsein: Obwohl es eine österreichische Standardsprache gebe, würde leider allzu oft von österreichischen Sprachbenützern nord- und binnendeutsches Sprachgut gegenüber dem vertrauten süddeutsch-österreichischen bevorzugt.

Wolfgang Haupt, Kleine Zeitung, 20. Sept. 2004

Mehr Mut zur österreichischen Sprache: Dazu will der Autor die Leser aufrufen und gibt in seinem Buch „Das österreichische Deutsch“ auf fast 500 Seiten mehr als 1.300 Beispiele, wie wir uns sprachlich von unserem großen Nachbarn unterscheiden können und sollen. Duden-Hasser Robert Sedlaczek beweist als ehemaliger Chef des Österreichischen Bundesverlags ein feines Verlegernäschen, indem er mit dem frisch bei Ueberreuter erschienenen Werk mitten in die aktuelle Rechtschreibdiskussion platzt. Der nicht zuletzt durch Filme und TV-Sendungen aus deutschen Landen bei uns schon stark geschwächte Sinn fürs Österreichische wird einem beim Schmökern im ansprechend gemachten Handbuch wieder so richtig bewusst. Dabei ist vieles zweifellos schon so nachhaltig eingesickert, dass wir uns vom echten, sortenreinen Österreichisch wohl längst vertschüsst haben. Aber unsere Marmelade konnte uns bekanntlich nicht einmal die EU verbieten. Unser rot-weiß-roter Sprachstolz aber lebt zumindest im Buch fort.

Dominic Heinzl auf ATVplus in HiSociety, 21. Oktober 2004, und HiSociety Revue, am 23. Oktober 2004

Wir sagen „Sackerl“, die Deutschen „Tüte“, wir „Marille“, sie „Aprikose“. Insgesamt trennen uns mehr als tausend Ausdrücke von unseren deutschen Nachbarn. Die kann man ab sofort im Buch „Das österreichische Deutsch“ nachlesen.

Deutsche in Österreich brauchen sich nicht mehr mit unserer Sprache zu plagen, endlich gibt’s Abhilfe. „Das österreichische Deutsch“, ein 500 Seiten starker Wälzer über den kleinen, aber feinen Unterschied zwischen der Alpenrepublik und unserem Lieblingsnachbarn. (...) Für Thomas Schüttken, unseren ATV-Lieblingsdeutschen, kommt das Werk zu spät: „Das erste, was ich gesagt habe, wenn ich jemanden kennengelernt habe, war: ,Guten Tach!‘ – ,Na servas, a Piefke. A Piefke! Uijeh ...‘“

Autor Robert Sedlaczek hat die kleinen Unterschiede in der Sprache herausgearbeitet, er selbst glaubt nicht an die deutsch-österreichische Haßliebe. Sedlaczek: „Es zeigen alle Umfragen, dass unsere Sprache im gesamten deutschen Sprachraum sehr beliebt ist. Auch österreichische Fernsehserien sind in Norddeutschland sehr beliebt. Ich habe den Eindruck, dass das viele Österreicherinnen und Österreicher gar nicht wissen.“ (...) Seit mittlerweile 30 Jahren ist Alexander Goebel Wahlösterreicher. Mit der Serie „Mundl“ hat er damals seinen ersten Brocken Wienerisch erlernt. Goebel: „Hier bestehen sie auf ihre Sprache, auf ihre Schrulligkeiten, Schrulliwood, Wien ist Schrulliwood!“

Das Buch ist ein großer Schritt in Richtung Völkerverständigung, wäre da nicht auch die Sturheit der Germanen. Schüttken: „Ich bin groß geworden mit meiner Sprache, und da hieß es: Wir kaufen col-gaa-te!, Wir trinken suun-kist! Nicht colgeit oder sankist! Ich bin nach Österreich gekommen und habe gesagt: Ich brauche col-gaa-te!, und die Menschen hauen sich ab ...“

Insgesamt gibt es 1.300 Beispiele, die im amüsanten Sprachführer beschrieben sind, 1.300 Beispiele, nie wieder „Schnitzel mit Tunke“ zu bestellen.

Österreichisches Deutsch als Tagesthema am 28. Oktober in der Sendung „Willkommen Österreich“. Moderation: Martina Rupp und Karl Ploberger.

Karl Ploberger: Grüß Gott! Martina Rupp: Servus! Karl Ploberger: Und für unsere bundesdeutschen Zuseher: Guten Tach! (...) Nein, wir sprechen österreichisch. Powidl, Pickerl, „g’schamster Diener“. Es gibt ganze 23 typisch österreichische Bezeichnungen, vom Beiried bis zum Topfen, die auf einer Liste der EU stehen und quasi rechtlich geschützt sind. Bei uns ist jetzt der Experte für österreichische Ausdrücke, Robert Sedlaczek, ehemals Geschäftsführer des Österreichischen Bundesverlags. Wie viele solcher Wörter gibt es? „Grüß Gott!“ ist typisch österreichisch?

Sedlaczek: Im katholischen Raum, sowohl in Österreich als auch im Süden Deutschlands, ist „Grüß Gott“ verglichen mit „Guten Tag!“ der häufigere Begriff.

Ploberger: „Servus“ ist typisch Wienerisch ...

Sedlaczek: ... breitet sich aber gegen Norden aus. Dieses Wort kann man heute auch schon in bundesdeutschen Talkshows hören. Interessanterweise muss man in Deutschland nicht Du-Freund sein, um diesen Gruß zu verwenden, während das in Österreich eine Voraussetzung ist.

Ploberger: Was ist das österreichische Deutsch? Lohnt es sich dafür zu kämpfen?

Sedlaczek: Mir ist es darum gegangen, die Eigenheiten des österreichischen Deutsch zu dokumentieren und zu zeigen, dass das österreichische Deutsch dem deutschen Deutsch ebenbürtig ist. Ich bin sehr dagegen, wenn die Tendenz entsteht, dass wir ein Anhängsel jener Sprachgewohnheiten sind, die in Deutschland vorherrschen. Das österreichische Deutsch ist eine eigenständige Sprachvariante der deutschen Sprache, genauso wie das deutsche Deutsch, genauso wie das Schweizer Deutsch. Wir haben allen Grund, auf unsere Sprache stolz zu sein und unsere Eigenheiten zu pflegen.

Ploberger: Ihr Buch ist ja ziemlich dick geworden ... Es ist außerdem interessant, dass viele der österreichischen Ausdrücke aus dem Jiddischen stammen. Der „g’schamster Diener“ ...

Sedlaczek: Es gibt zahlreiche Ausdrücke aus dem Jiddischen („g’schamster Diener“ geht auf „Schammes“ zurück), „Chuzpe“ wäre ein anderer, „Mezie“, „tacheles reden“ ... Dieses Ausdrücke aus dem Jiddischen sind besonders im Wienerischen sehr stark vertreten, im Westen Österreichs wesentlich geringer. Das Wort „Mezienshop“ werden Sie vor allem in Wien vorfinden, schon im Salzkammergut sagt man eher „Schnäppchen“ ...

Ploberger: ... in Oberösterreich auch.

Sedlaczek: Man sieht also, dass die Sprachgrenzen mit den Landesgrenzen nicht immer ident sind. Manche Begriffe sind nur in Österreich gebräuchlich, insbesondere im Bereich der Verwaltungssprache, natürlich auch im Bereich der Küchensprache, andere Begriffe haben wir mit den Bayern gemeinsam und andere haben wir mit den Süddeutschen gemeinsam. Aber wenn man „österreichisches Deutsch“ sagt, dann weiß gefühlsmäßig jeder was gemeint ist.

Ploberger: Übernehmen die Deutschen auch etwas von uns?

Sedlaczek: Jawohl. Es findet zur Zeit ein Sprachtransfer statt, der in beide Richtungen geht. Es gibt Wörter, die aus dem Norden in den Süden wandern. Ein Beispiel ist „lecker“ – ein Ausdruck, den junge Leute in Österreich schon sehr häufig verwenden. Ich verwende ihn eigentlich nicht. Andererseits sind beliebte Begriffe der Alltagskommunikation wie „eh“, „eh klar“ oder „halt“ heute im Norden Deutschlands sogar in Zeitungstexten zu finden – dort ist „eh klar“ ein Ausdruck der Hochsprache.

Ploberger: Eh klar! Sie dürfen jetzt mitreden. Haben Sie fragen an Dr. Robert Sedlaczek, dann rufen Sie uns an ...

(...)

Ploberger: Powidl, Pickerl, „g’schamster Diener“ – wir sprechen österreichisch. Bei uns zu Gast, herzlich willkommen, Dr. Robert Sedlaczek. „Darnach“ oder „danach“?

Sedlaczek: Oft machen nur einzelne Buchstaben den Unterschied aus, „darnach“ und „danach“ ist so ein Beispiel, „weiters“ und „weiter“ ein anderes. Wir sagen: „Das hab ich weiters noch gesagt ...“, in Deutschland heißt es „Das hab ich weiter noch gesagt ...“

(Frau Elfi fragt, ob der von Tirolern verwendet Ausdruck „Neschthockerl“ bekannt ist.)

(Frau Sabine: Als ich mir beim Kochen ein Missgeschick passiert ist, hat eine Freundin gesagt: „Du bist a Blunzen!“ Was heißt das?) In diesem Fall nicht „dicker Mensch“, sondern „ungeschickter Mensch“.

(Herr Peter, Privatpilot, weist darauf hin, dass es international in der Fliegerei eine strenge Phraseologie gibt. Wenn man nach Wien zurückkommt, dann heißt es „Wien Tower, Oscar, Ecco, Delta, November, Romeo, Wien Tower. Servus“. Auch zu einem Japaner, zu einem Chinesen, zu einem Amerikaner ...).

Sedlaczek: „Servus“ ist ein Wort, das sich gegen Norden ausbreitet. Umgekehrt breiten sich andere Grußformeln gegen Süden aus. „Tschüs“ ist auch in Österreich populär geworden. Das Wort „vertschüssen“, das Sie sicherlich kennen, ist in Österreich entstanden. Hier haben Österreicher aus einem an sich fremden Gruß ein neues Zeitwort gemacht.

Ploberger: Es ist ja interessant, dass manche Wörter auch in Österreich unterschiedlich gebraucht werden. „Montag war Fenstertag!“ In Oberösterreich sagt man „Zwickeltag“ ...

Sedlaczek: ... und in Deutschland sagt man „Brückentag“.

Ploberger: ... oder „Bankomat“ – gibt es in Deutschland auch nicht.

Sedlaczek: In Deutschland sagt man „Geldautomat“. Ein anderes Beispiel: „Kiberer“ ist in Wien gebräuchlich – leicht abwertend für Polizist. Im Westen Österreichs sagt man hingegen „Butz“, ein Ausdruck, den vielleicht viele Wiener gar nicht kennen. Mir ist es in dem Buch auch darum gegangen, die Sprachunterschiede innerhalb Österreichs zu zeigen. Österreich ist ja sprachlich nicht einheitlich, sondern sprachlich sehr vielfältig. Diese Vielfalt ist ein Wesenselement unserer Sprache, des österreichischen Deutsch.

(Frau Cäcilia berichtet, dass ihr Großvater, Jahrgang 1842, im Alter schlecht gesehen hat. Wenn er bei einem Spaziergang von jemanden gegrüßt worden ist, den er nicht erkannt hat, hat er in Abwandlung des Grußes „Habe die Ehre“ gesagt: „Mit wem hab ich die Ehre?“)

Ploberger: Ein Wort, das in Ihrem Buch vorkommt, ist der „Lurch“ ...

Sedlaczek: Das ist ein typisch österreichischer Ausdruck für eine große staubige Fläche, wo sich teilweise auch Staubballen bilden ...

Ploberger: ... also ein Haustier ...

Sedlaczek: ... hat aber nichts mit dem Wort „Lurch“ im Sinn von „Amphibien“ zu tun. Hier handelt es sich um zwei völlig verschiedene Wörter. Zu „Lurch“ im Sinn von „Staub“ gibt es eigentlich kein Äquivalent in Deutschland. In einigen Regionen sagt man „Wollmäuse“ ....

Ploberger: Der Ausdruck „Paradeiser“ ist für einen Tiroler nicht so gebräuchlich ...

Sedlaczek: ... im Westen, aber auch im Süden Österreichs wird „Tomate“ durchaus häufig verwendet. Aber es wird viele Wiener geben, die sagen: Ich verwende nur das Wort „Paradeiser“. „Tomate“ klingt für mich fremd.

Ploberger: „Metzger“ sagt man bei uns in Oberösterreich nicht, sondern „Fleischauer“ ...

Sedlaczek: ... aber es gibt auch Regionen Österreichs, wo man „Metzger“ sagt.

Ploberger: Interessant ... Und die Sprache lebt! Das sieht man auch in Ihrem Buch. Danke für den Besuch. Grüß Gott! Habe die Ehre!

Sandra Schönthal schreibt am 2. November 2004 in der Kurier-Kolumne „Menschen“:

„Mensch, das ist aber leiwand!“

„Mundl ist ne super Serie“, das hatte Alexander Goebel den TV-Kritiken der frühen Siebzigerjahre entnommen. Der Entertainer war ein Frischling aus dem Ruhrgebiet, eben nach Wien gezogen, und warf frohen Mutes den Fernseher an. „Das war für mich Suaheli.“

Also büffelte er Wienerisch, um dazuzugehören. „Bis ich eines Tages zu Hanno Pöschl ,Mensch, das ist aber leiwand!‘ sagte.“ Der gute Freund nahm Goebel zur Brust: „Tua nix reden, nur huarchen.“

Einen wesentlichen Beitrag zur Kommunikation zwischen „Piefkes“ und „Ösis“ leistet Robert Sedlaczeks neues Handbuch „Das österreichische Deutsch“, in das der Leipziger Tommy Möbius – Souchef bei „Fabios“ und „Newcomer des Jahres“ – schon hineingeschnuppert hat. Hätte er das Büchlein bloß gehabt, als er vor einem Jahr nach Wien kam.

So aber stolperte er durch Hackfleisch, Tunke und Blumenkohl, wo er nach Faschiertem, Sauce und Karfiol hätte fragen müssen. Heute läufts bereits wie geschmiert. Wenn er die Mannschaft oder seine Schüler im Kochkurs antreibt, sagt er nicht mehr „Gib mal Gas, Mensch“, sondern: „Gemma Buam, koit is net!“

1977, als Cornelia Köndgen an die Josefstadt kam, verstand die Schwäbin weder den Bühnenarbeiter, der „Schurl, kumm umme!“ schrie, noch ihren späteren Mann Ludwig Hirsch. Ihre erste Begegnung mir „Uhrwascheln“ ist ihr gut in Erinnerung: „Die Wiener waren besonders heikel mit ihren Uhren, denn diese wurden hier sogar gewaschen.“

Natürlich und authentisch, so mag es Michael Aufhauser, der aufatmete, „als ich vom eingedeutschten München nach Salzburg gezogen bin“. Er ist und bleibt ein Bayer auf Gut Aiderbichl. „Ich würde nie versuchen mich als Urösterreicher aufzuführen!“

Peinlich sei‘s, wenn ein Preusse auf Wienerisch oder Tirolerisch oder Salzburgerisch macht. Umgekehrt genauso: „Neulich, bin ich zur Salzsäure erstarrt, als mir ein einheimischer Pferdepfleger ,Tschühüs!‘ zurief.“

„Sendung ohne Namen“, ORF 1, 11. November 2004, 22.30 Uhr.

(Eine „Stimme aus dem Off“ kommentiert jeden Donnerstagabend wochenaktuelle Neuigkeiten aus Fernsehen, Kultur und Szene, gemischt mit persönlichen Erlebnissen. Idee: Fred Schreiber, David Schalko. Buch: Martin Puntigam. Regie: Marie Kreutzer. Sprecher: Fred Schreiber. In der folgenden Abschrift wird der gesprochene Text der „Stimme aus dem Off“ in Normalschrift wiedergegeben, die Inserts zu den Filmsequenzen in Großbuchstaben.)

... wiewohl das schon eigenartig klingt – neuer Krieg. Wie wenn es im Norwegen des späten 19. Jahrhunderts schon CD gegeben hätte und die Musikbegeisterten sich gegenseitig gefragt hätten: Hast du schon den neuen Krieg? MIT G. Den neuen Edvard Grieg in dem Fall natürlich! Ein neues Album des Komponisten u. a. der Peer Gynt-Suite, aus der praktisch alle „Die Morgenstimmung“ kennen, zumindest teilweise aus irgendeinem Werbespot. Genau das! MEZZIE: EINMALIGE GELEGENHEIT. Schwer zu sagen, ob die Werber, indem sie die Musik einfach zur Verkaufsförderung von irgendwas verwenden, die Musik missbrauchen oder entwerten, M’ZIAH (HEBR.): FUND, oder ob sie durch ihr Tun nicht doch dazu beitragen, dass sehr schöne Musik wenigsten deutlich langsamer dem Vergessen anheim fällt als es sonst der Fall wäre. Egal, ich schaue sowieso keine Werbung, ich glaub hab ich Ihnen schon einmal gesagt, mit oder ohne Musik von Grieg. Genau, Grieg. Grieg lebte ja zu einer Zeit, in der es angeblich noch die alten Kriege gab, mit den festen Spielregeln, an die sich alle gehalten haben. Heutzutage gibt es fast überall nur noch die neuen Kriege. Warum? Weil die alten kaputt sind? Oder weil die Jungen sich heute nicht mehr benehmen können? Schwer zu sagen. KIBERER: KRIMINALPOLIZIST. Obwohl „gar nich‘, eigentlich“ – das ist so eine Platitüde, um Befangenheit in einem extrem komplexen Gedankengang vorzuschützen, dabei gibt es die sogenannten neuen Kriege, d. h. in denen Interessensgruppen unabhängig ihrer Staatenzugehörigkeit ihr Süppchen kochen, wenn Sie mir das Bild erlauben, deshalb, weil das heutzutage praktischer ist, bzw. hat es die alten Kriege in ihrer Reinform gar nie gegeben. KÜBBE (HEBR.): HURENHAUS. Apropos Süppchen, weil es die Außentemperaturen nahelegen: Sind Sie eigentlich ein Suppentyp oder ein Beilagentyp oder eher ein Desserttyp? Suppentyp? So ein Schmarren! Aber was ich sagen wollte, ich habe momentan eine Suppenphase. Kürbiscreme-, Selleriecreme- und auch verstärkt auch wieder Rindssuppe mit Heidensterz, und manchmal streiche ich mir auch das warme Rückenmark auf ein Stück Brot, ja das mach ich. KIPFERL: BOGENFÖRMIGE TEEBÄCKEREI. Obwohl ich Familienvater bin und Verantwortung übernehme, aber es schmeckt mir einfach und zwar sehr sehr gut. (Rülpser) So, Entschuldigung, geht schon wieder. MOLAWEN (AHD.) WEICH SEIN. Heidensterz habe ich mir übrigens lang nicht mehr gemacht. Da bin ich unlängst wieder über das Rezept gestolpert, eigentlich heißt das Heidenmehl, das dazu gebraucht wird, „Buchweizenmehl“, aber vermutlich war es der Heide, der es bei uns populär gemacht hat. So wie der Polentasterz ja auch „Türkensterz“ genannt wird. CIPPUS (LAT.): PFAHL. Sterz ist ein schönes, aber eigenartiges Wort, SEDLACZEK, ROBERT: DAS ÖSTERREICHISCHE DEUTSCH, das im Hochdeutschen nur noch mit der Bedeutung „Steiß“ bekannt ist, das Wort gehört zur Wortgruppe „starren“ bzw. „stürzen“ und meint eigentlich „etwas Starres, Steifes“, was auch nicht immer stimmt. WIE WIR UNS VON UNSEREM GROSSEN NACHBARN UNTERSCHEIDEN. UEBERREUTER. Ein steifer Sterz ist nicht immer der beste. Buchweizen wird ja heute kaum noch angebaut. Bis in die frühe Neuzeit war er ein Grundnahrungsmittel und auf Grund seiner hohen Gehalte essentieller Aminosäuren ist die biologische Wertigkeit seines Samenproteins einzigartig unter den Kulturpflanzen, wie man heute weiß. Trotzdem hat der Buchweizen gegen den Erdapfel verloren, der übrigens nicht nur Kartoffel, sondern auch Grundbirne genannt wird, oder Erdkastanie, im Gegensatz zu denen, die am Baum wachsen. Mag ich beide auch sehr gerne, und wenn man Maronen karamelisiert, na egal, ist ja keine Kochsendung. Wie bin ich eigentlich jetzt hierher geraten? ...

„Freie Fahrt. Das Clubjournal des ARBÖ“, Nr. 11/12, 2004 schreibt:

Du nix verstehen?

Deutsch im Verkehr: Wo österreichische und bundesdeutsche Autofahrer aneinander vorbeireden.

Die Österreicher unterscheiden sich von den Deutschen durch die gemeinsame Sprache. Dieser gescheite Satz wird Karl Kraus zugeschrieben. Aber er stammt nicht von ihm, wahrscheinlich hat ihn Karl Farkas geprägt. Jedenfalls ist er Motto eines Buches, das großes Aufsehen erregt hat: „Das österreichische Deutsch. Wie wir uns von unserem großen Nachbarn sprachlich unterscheiden.“ Geschrieben von Robert Sedlaczek, der 15 Jahre lang Geschäftsführer des Österreichischen Bundesverlags gewesen ist und nun erstmals das österreichische Deutsch mit dessen liebenswürdigen Besonderheiten dokumentiert hat.

Es zeigt die Unterschiede zwischen österreichischem Deutsch und deutschem Deutsch – in Form eines illustrierten Lesebuches, das sowohl zum Schmökern, als auch zum Nachschlagen einlädt. „Für ein kleines Land wie Österreich mit einem so großen und so dominierenden Nachbarn wie Deutschland ist die sprachliche Identität eine Frage der kulturellen Selbstbehauptung“, sagt der 52-Jährige, der an Wochenenden gern mit einem Mercedes Coupe, Baujahr 1982, durch die Lande fährt, im FREIE FAHRT-Gespräch. „Immer mehr traditionsreiche Unternehmen sind in deutschen Händen, man denke nur an Ankerbrot, Billa etc. Damit kommen aber auch deutsche Manager und deutsche Marketingleute nach Österreich, und von heute auf morgen schleichen sich plötzlich Begriffe in die Unternehmenskommunikation und in die Werbung ein, die für das österreichische Sprachverständnis wie Fremdwörter klingen.“

Dabei unterscheiden wir uns sprachlich von unserem großen Nachbarn in vielerlei Hinsicht. „Das österreichische Deutsch“ befasst sich nicht nur mit den Differenzen im Bereich des Wortschatzes, sondern auch in den Bereichen der Redensarten, der Aussprache und der Grammatik. Wobei sich die Gegensätze nicht nur auf die Küchensprache beschränken („Hendl“ statt „Hähnchen“, „Karfiol“ statt „Blumenkohl“, „Marille“ statt „Aprikose“, „Rahm oder Obers statt Sahne“ etc.). Wir haben uns aus dem Buch die begrifflichen Unterschiede im Verkehrswesen herausgesucht. Auch hier gehen Österreicher und Deutsche in einigen Fällen getrennte Wege, obwohl die Rechtslage meist ähnlich ist. Und es kann sogar sein, dass Österreicher und Deutsche aneinander vorbeireden.

So kann man immer wieder beobachten, wie deutsche Urlauber ratlos vor dem Schild „Fahrverbot – ausgenommen für Anrainer“ stehen. Das Wort „Anrainer“ ist nämlich ein Austriazismus – für Österreicher eine Selbstverständlichkeit, für Deutsche ein Fremdwort. Denn dort verwendet man den Ausdruck „Anrainer“ nicht im Verkehrswesen und sagt statt dessen „Anlieger“. Nur in ganz allgemeiner Form kann man im deutschen Deutsch beispielsweise von den „Anrainerstaaten des Bodensees sprechen“, doch „Anrainerverkehr“ ist für Berliner oder Hamburger ein Fremdwort.

Auch bei den gesetzlichen Termini gibt es erstaunliche Unterschiede. So spricht man in Österreich von „Vorrang“, in Deutschland von „Vorfahrt“. Einem österreichischen „Vorrangzeichen“ entspricht also in Deutschland ein „Vorfahrtszeichen“, einer „Vorrangstraße“ eine „Vorfahrtsstraße“, einer „Vorrangregel“ eine „Vorfahrtsregel“ usw. Das Wort „Vorrang“ existiert in Deutschland nicht im Verkehrswesen, sondern nur in einer allgemeinen Form: „in Vergleich zu jemand anderem/etwas anderem einen wichtigeren Stellenwert oder eine größere Bedeutung haben“.

Das Gegenteil von „Vorrang“ ist in Österreich der „Nachrang“ – ein Wort, das in Deutschland kein Gegenstück hat. Wenn sich ein Österreicher in seinem Vorrangrecht beeinträchtigt fühlt, dann ist es also völlig sinnlos aus dem Fenster zu brüllen: „Du hast Nachrang, du Piefke!“ Der deutsche Gast wird den schimpfenden „Ösi“ vermutlich nicht verstehen, weil das Wort „Nachrang“ nur im österreichischen Deutsch geläufig ist.

Ein Deutscher wird übrigens auch mit dem Ausdruck „Frächterskandal“ so seine Probleme haben – obwohl es derartige Fälle von illegaler Beschäftigung, Lohndumping und Sozialbetrug auch in Deutschland gegeben hat. Der Begriff „Frächter“ ist in Deutschland unbekannt, dort kennt man nur den Ausdruck „Spediteur“. In Österreich unterscheidet man zwischen „Spediteuren“, die eine Ware entgegennehmen, um Sie von A nach B zu bringen, wobei sie sich meist eines anderen Unternehmens bedienen, und „Frächtern“ – sie sind für den eigentlichen Transport zuständig.

Die Einmündung einer Autobahn in eine andere nennt man in Österreich „Autobahnknoten“, in Deutschland „Autobahndreieck“. Der Ausdruck „Autobahnkreuz“ ist in beiden Ländern gebräuchlich. Darunter versteht man eine kleeblattförmige Kreuzungsanlage zweier Autobahnen auf verschiedenen Ebenen mit Anschlüssen in allen vier Richtungen. In der Umgangssprache ist auch der Begriff „Autobahnkleeblatt“ geläufig. Sogar die abwertenden Ausdrücke für Polizisten sind unterschiedlich. In Österreich, vor allem im Osten, sagt man „Kiberer“, im Westen Österreichs „Putz“. Der Deutsche ärgert sich hingegen über die „Bullen“ – ein Wort, „das auch jeder Österreicher versteht, denn genau genommen sind wir durch den Einfluss der bundesdeutschen Medien und der bundesdeutschen Filmsynchronisationen zweisprachig“, meint Sedlaczek. „Wir verstehen das deutschen Deutsch fast genau so gut wie das österreichische Deutsch. Ein Urlauber aus Hamburg oder Berlin tut sich hingegen schwer. Wenn er in Österreich Urlaub macht, hört er manche Begriffe zum ersten Mal.“ Auch wenn Niki Lauda auf RTL das Wort „Patschen“ für „Reifendefekt“ gebraucht, übersetzt der Moderator ins deutsche Deutsch: „Das muss ich erklären, er meint einen ,Platten‘!“

Wenn uns in der Stadt ein Pferdegespann aufhält, dann handelt es sich in Österreich um einen „Fiaker“, in Deutschland um eine „Droschke“. Auf den Landstraßen begegnen wir in Österreich (und Süddeutschland) einem „Traktor“, in Deutschland auch einem „Trecker“, einem „Ackerschlepper“ oder einem „Bulldog“. Allerdings setzt sich der Begriff „Traktor“ allmählich auch in der Mitte und im Norden Deutschlands durch.

Auch das Wort „Geisterfahrerwarnung“ ist ein österreichisches Spezifikum. Wer viel auf bundesdeutschen Autobahnen unterwegs ist, wird wissen, dass dort im Verkehrsfunk nicht vor „Geisterfahrern“, sondern vor „Falschfahrern“ gewarnt wird.

Sowohl in Österreich als auch in Deutschland müssen Kraftfahrzeuge regelmäßig zu einer technischen Überprüfung. In Österreich sind diese Sicherheits-Checks in § 57 a Kraftfahrgesetz geregelt und werden durch einen Aufkleber bescheinigt, der „KfZ-Pickerl“ genannt wird. In Deutschland entspricht diesem Ausdruck der Begriff „TÜV-Plakette“. TÜV ist eine Abkürzung für „Technische ÜberwachungsVereine“.

Bitte haben Sie auch Mitleid, wenn ein Deutscher folgenden Satz nicht versteht: „Mein Auto hat eine Havarie – ich muss zu einem Spengler!“ Er verwendet nämlich das Wort „Havarie“ nur bei Unfällen von Schiffen und Flugzeugen, und den „Autospengler“ nennt er „Karosserieschlosser“.

„Die sprachlichen Unterschiede sind viel größer als man allgemein annimmt“, so Sedlaczek. „Durch die Globalisierung der Wirtschaft droht eine sprachliche Nivellierung innerhalb des deutschsprachigen Europa. Mein Buch soll dazu dienen, die österreichischen Sprachgepflogenheiten zu dokumentieren und das Selbstbewusstsein der Österreicher zu stärken. Sprachnormen sind von Menschen gemacht – so berücksichtigt die Duden-Redaktion in Mannheim die Sprachgewohnheiten Norddeutschlands viel stärker als jene des Südens.“

Viele der sprachlichen Differenzen zwischen Wien und Leipzig, Graz und Frankfurt am Main, Salzburg und Hamburg bestehen seit hundert, zweihundert oder noch mehr Jahren, sie sind altes Kulturgut. Buchautor Sedlaczek: „Während Schlösser, Denkmäler und Naturparks als Kulturgüter geschützt sind, fehlt noch ein entsprechendes Bewusstsein für die Sprache.“ Nicht ohne hinzuzufügen: „Aber das wird schon werden.“

Hannes Stein, „Die Welt“, Hamburg, 6. November 2004

Das österreichische Deutsch.

Engländer und Amerikaner, spottete einst Oscar Wilde, seien „getrennt durch eine gemeinsame Sprache“. Für Deutsche und Österreicher funktioniert dieser alte Witz nicht. Sie befleißigen sich wirklich verschiedener Idiome. Oder wissen Sie, was Germ, Häfen, Schwedenbombe bedeutet und was jemand ausdrücken will, der sagt, ihm sei das eh Powidl? Ich schon. Ich bin nämlich in Österreich aufgewachsen und kann also beurteilen, daß dieses Lexikon von Robert Sedlaczek nicht nur witzig, sondern auch kundig ist. Sedlaczek hat offenbar nicht nur Nachschlagewerke gewälzt, er scheint im Caféhaus ständig Notizen gekritzelt zu haben. „Germ“ ist übrigens Hefe. „Häfen“ heißt Knast. „Schwedenbomben“ entsprechen Dickmanns, sind aber - anders als diese - manchmal mit Kokosraspeln bestreut. Und „mir ist das Powidl“, wörtlich „mir ist das Pflaumenmus“, bedeutet: Ist mir wurst. Noch Fragen?

Martina Starz schreibt in „Jugend und Medien“, eine Zeitschrift des Buchklubs der Jugend, (Nr. 2/2004/2005):

Die vergessene Zeit

Österreicher und Deutsche sprechen deutsch. Eh klar. Und doch verstehen sie sich manchmal nicht so gut. Robert Sedlaczek hat sich auf eine Spurensuche begeben. Ergebnis: das Buch „Das österreichische Deutsch“. Wir haben mit dem Autor gesprochen.

Wie ist Ihnen die Idee zu diesem Buch gekommen?

Ich habe als Journalist bei einer Nachrichtenagentur gearbeitet und hatte dort einen deutschen Redakteur, der österreichische Ausdrücke gerne rückkorrigiert hat, obwohl die Nachrichten für ein österreichisches Publikum gedacht waren. Während meiner Tätigkeit für den ÖBV hatte ich oft Kontakt mit deutschen Marketingleuten, die ebenfalls österreichische Ausdrücke als Fehler ansahen: z. B. vierfärbig. Wir in Österreich sind die deutschen Ausdrücke durch die Medien gewohnt, aber nicht umgekehrt. Allerdings ändert sich das gerade.

Die „Marille“ wandert nach Deutschland?

Die „Marille“ nicht, dafür aber „Knödel“, „Traktor“, „Maut“ etc., außerdem einige Füllwörter: „Eh klar“ hat sich im Norden etabliert und wird sogar in Zeitungen verwendet, bei uns nur in der Umgangssprache und im Dialekt. Durch die immer stärkere wirtschaftliche Verflechtung und die Verbreitung der Medien ist eine starke Begriffswanderung zu bemerken. Während gleichzeitig ein starkes Bewusstsein für die Eigenheiten wächst.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Wir leben alle in einem großen Europa. Und wenn wir schon in einer so großen Gemeinschaft leben, dann werden uns unsere kulturellen Besonderheiten wichtiger, und dazu gehört auch die Sprache. Wir wollen etwas Eigenes behalten.

Das Thema ist aktuell: Es gibt mehrere Bücher zu österreichischen Ausdrücke. Wodurch unterscheidet sich Ihr Buch von den anderen?

Ich gehe nicht nur auf Wörter ein, sondern beschäftige mich auch mit den Unterschieden in der Grammatik, in der Aussprache und in der Ausdrucksweise. Da habe ich sozusagen Pionierarbeit geleistet: Wissen Sie z. B., welche Zeit „Ich habe es vergessen gehabt“ ist? Nein? Sehen Sie, ich nenne sie auch die vergessene Zeit ... das doppelte Perfekt. In der deutschen Sprache gibt es also mehr als sechs Zeiten.

Brauchen wir tatsächlich noch eine zusätzliche Zeit?

Im österreichischen Deutsch: ja! Unsere Erzählzeit ist das Perfekt, nicht das Präteritum wie im deutschen Deutsch. Also brauchen wir eine passende Vorzeit: das doppelte Perfekt!

Das bringt uns an die Schule: Sollten die LehrerInnen (mehr) auf diese Dinge eingehen?

Ich finde ja. Denn österreichische Ausdrücke sind nicht nur Dialekt, sondern sehr wohl auch Hochsprache. Sie haben die Marille erwähnt: Das ist ein hochsprachlicher Ausdruck. So wie auch die Ausdrücke der Verwaltungssprache. Und um beim Thema Perfekt zu bleiben: Wenn Sie in Österreich eine Rede im Präteritum halten, werden Sie die Zuhörer nicht wirklich begeistern können, denn Sie werden distanziert und gekünstelt wirken. Auf die Schule übertragen, würde es bedeuten, dass man ein Referat im Perfekt halten sollte: dass man also bei der schriftlichen Vorbereitung schon bewusst das Perfekt wählt! Im Übrigen setzt sich das Perfekt als Erzählform langsam auch im Norden durch. Nicht zuletzt durch Wolf Haas.

Krimis als Wegbereiter der Sprache?

Oh ja. Haas arbeitet bewusst mit der Sprache. Er erzählt durchgängig im Perfekt, und da seine Krimis auch im Norden verschlungen werden, besonders von Jugendlichen, hat das natürlich sehr wohl einen Einfluss auf ihre Sprache!

Was wollen Sie mit dem Buch erreichen?

Ich bin kein Sprachpolizist. Ich will nichts mit Gewalt verhindern oder erzwingen. Ich will Verständnis für Sprache und für Sprachentwicklungen schaffen. Mir geht es ums Bewusstsein, dass es ein österreichisches Deutsch gibt, genauso wie es ein deutsches Deutsch gibt. Die eine Form ist nicht besser als die andere. Beide haben ihre Berechtigung und ihre Ursprünge. Doch es ist nur von Vorteil, beide Varianten zu verstehen und stolz auf seine Sprache zu sein.

Sylvia M. Patsch schreibt in Nr. 48/2004 der „Furche“ (vom 25. November 2004):

Powidl bleibt Powidl

Die österreichische Sprache unterscheidet sich von der deutschen in mehr als 10.000 Wörtern.

Beim EU-Eintritt Österreichs vor zehn Jahren schafften es gerade einmal 23 Begriffe in den Verfassungsrang: Niemand würde die Österreicher zwingen können, „Roastbeef“ statt „Beiried“ zu sagen oder „Pflaumenmus“ statt „Powidl“. Heute quillt die EU-Datenbank in Brüssel bereits mit 4000 österreichischen Ausdrücken über. Beamte können bei Sprachproblemen mit dem österreichischen Deutsch auf sie zurückgreifen. Dennoch kommt es immer wieder zu Missverständnissen. So fragte ein Finne die österreichische Austriazismen-Expertin des Übersetzerdienstes, ob „Schwedenbomben“ Abfangjäger seien.

Robert Sedlaczek, Autor des Buches „Das österreichische Deutsch. Wie wir uns von unserem großen Nachbarn unterscheiden“, spürt dem feinen Unterschied in der gemeinsamen Sprache mit Witz, Geist und großer Sachkenntnis nach. Als „Hausbuch“ zum Schmökern bietet er sein Werk an. Dabei rüttelt er an den Grundfesten der Duden-Autorität. Dort werden österreichische Besonderheiten stets als umgangssprachliche Abweichungen klassifiziert. Sedlaczek hingegen besteht darauf, dass Deutsch eine plurizentrische Sprache ist. Niemand kann sich als Nabel der deutschsprachigen Völker sehen. Die „deutsche Wohlredenheit“, die der aus der Untersteiermark stammende slowenische Sprachforscher Johann Siegmund Popowitsch schon Mitte des 18. Jahrhunderts untersuchte, hat viele Formen – und wir Österreicher brauchen keineswegs „schriftdeutschln“, um Anton Kuh zu zitieren. Sedlaczek stellt österreichische Ausdrücke, versehen mit unserer Staatsflagge, neben, nicht unter bundesdeutsche. Ist der österreichische Geisterfahrer nicht unheimlicher als der nüchterne deutsche Falschfahrer?

Daher beziehen sich 90 Prozent der Eintragungen in seinem Buch auf den Wortschatz. Unterschiede in der Grammatik kommen aber auch nicht zu kurz. Wir erzählen im Perfekt, sagen also nicht: „Er pisste an die Hauswand“, sondern „er hat gegen die Wand geschifft/ gebrunzt/ geseicht“. (Pardon!) Der Österreicher ist in der Standardsprache mit dem Konjunktiv viel sparsamer als der Deutsche. Wenn er ihn verwendet, dann als Modus der Irrealität und Potenzialität: „Man sagt, dass der Politiker N. N. ein ehrlicher Mensch wäre.“ (Subtiler Zweifel schwingt da mit.) In den Mundarten blüht dagegen der Konjunktiv. Beweis gefällig? „Können“: i kennt, i kenntat; i kannt, i kanntat, i kunnt, i kunntat, i tat kenna. Sieben Formen nennt der Autor, und hat dabei das Alemannische vergessen: i künnt, i künntet.

Jeder Österreicher hat also die Chance, zweisprachig zu sein. Nur: Da hapert es. So beliebt der weiche Klang des Österreichischen im harten Knacklaut-Deutschland auch sein mag, so wenig unbefangen öffnen viele Österreicher vor „Hochdeutsch“ sprechenden Deutschen den Mund, weil ihnen die österreichische Standardsprache nicht zur Verfügung steht. Wirklich daheim sind sie nur auf der Mundartebene. Deutsch ist nicht „feiner“ als Österreichisch, nur können sollte man beides.

In den „Oberösterreichischen Nachrichten“ vom 11. Dezember 2004 schreibt Christian Schacherreiter unter dem Titel „Spricht Österreich deutsch?“:

Die Liste jener Wörter, die uns von der Europäischen Union als schützenswerte österreichische Raritäten zugestanden werden, umfasst 23 Begriffe: Beiried, Eierschwammerl, Erdäpfel, Faschiertes, Fisolen, Grammeln, Hüferl, Karfiol, Kohlsprossen, Kren, Lungenbraten, Marillen, Melanzani, Nuss, Obers, Paradeiser, Powidl, Ribisel, Rostbraten, Schlögel, Topfen, Vogerlsalat, Weichseln.

Robert Sedlaczek, der Verfasser des Buchs „Das österreichische Deutsch“ (Verlag Ueberreuter), vermutet, dass dieses bescheidene „Küchenglossar“ bei einem Heurigenbesuch einiger Ministerialräte entstanden sein könnte, denn eine seriöse Untersuchung des spezifisch österreichischen Wortbestands ergibt eine weitaus respektablere Liste. Beim österreichischen Institut für Dialekt- und Namenforschung liegen nicht weniger als 3,6 Millionen Einzelbelege vor.

Eine aufschlussreiche, wissenschaftlich abgesicherte und auch für Laien gut lesbare Auswahl österreichischer Wörter, Wendungen und Sprachformen hat Robert Sedlaczek in seinem Buch zusammengestellt. Er folgt dabei dem alphabetischen Ordnungsprinzip eines Wörterbuchs und setzt neben den österreichischen Ausdruck den deutschen. So können die Leserinnen und Leser zahlreiche Belege dafür finden, dass sich „die Österreicher von den eutschen durch die gemeinsame Sprache unterscheiden“. Dieser kluge Aphorismus wird übrigens – auch das weiß Sedlaczek – zu Unrecht Karl Kraus zugesprochen. Vielmehr dürfte es sich um die deutsch-österreichische Variante einer Aussage handeln, mit der die Beziehung zwischen dem Englischen und dem Amerikanischen beleuchtet wird.

„Das österreichische Deutsch“ ist nicht nur ein sehr lehrreiches, sondern auch ein überaus vergnügliches Buch. Das liegt vor allem daran, dass es der Autor versteht, das österreichische Vokabular in seinem Verwendungszusammenhang anschaulich zu erläutern. So erfahren wir beispielsweise nicht nur, dass unserer „Blunze“ bzw. „Blunzen“ der deutschen Blutwurst entspricht, sondern auch, dass der in Österreich gebräuchliche Satz „Das ist mir Blunzen“ in deutschen Landen folgende Entsprechungen haben kann: Das ist mir „schnurzegal“, „piepegal“, „schnurzpiepegal“ oder „schnuppe“.

Als Ersatz für „Das ist mir Blunzen“ finden wir in Österreich auch noch die Wendungen „Das ist mir Powidl“ und „Das ist mir Wurst“. Als derb gilt nach wie vor der Satz „Das ist mir Scheißn“. Kulturwissenschaftlich interessant könnte freilich der Umstand sein, dass in Österreich das Phänomen Gleichgültigkeit an Dinge des Stoffwechsels gebunden wird. Wie auch immer, Robert Sedlaczeks Buch „Das österreichische Deutsch“ sollte in keinem österreichischen Haushalt fehlen. Es ist nicht nur informativ und unterhaltend, es ist auch kulturpolitisch wegweisend: Wir können unsere Sprache und unsere Kultur ernst nehmen, ohne deshalb in einen verbiesterten Österreich-Chauvinismus zu verfallen.

„Die ganze Woche“ schreibt in Nr. 51/52/04 (15. Dezember 2004):

Ein ganz besonderes Wörterbuch als Weihnachtsgeschenk für Patrioten

Dieses Buch beschreibt mehr als 1.300 Ausdrücke und Redewendungen, die das österreichische Deutsch ausmachen, ergänzt um Eigenheiten in der Aussprache und in der Grammatik. Hier erfahren Sie alles über „Marmelade“ und „Konfitüre“, „Bussi“ und „Küßchen“, „Sessel“ und „Stuhl“. Das Buch stellt erstmals einem hochsprachlichen, umgangssprachlichen und mundartlichen Begriff des österreichischen Deutsch einen solchen des deutschen Deutsch gegenüber. „Mein Buch ,Das österreichische Deutsch‘ soll das Verständnis für die sprachlichen Eigenheiten und Entwicklungen zeigen, denn es ist die Sprache, die Identität stiftet, und wir können auf unsere Sprache stolz sein“, so der Autor Robert Sedlaczek. Mit 150 vierfärbigen Illustrationen und zahlreichen amüsanten Anekdoten ist „Das österreichische Deutsch“ ein Handbuch zum Schmökern und Nachschlagen.

Beda Hanimann schreibt im „St. Galler Tagblatt“ am 20. Dezember 2004 unter dem Titel „Wörterfundgrube“:

Lehrreich wie ein Lexikon, unterhaltend wie ein Kurzgeschichtenband: Robert Sedlaczek erläutert die österreichische Sprache.

Da sind sie, schön alphabetisch, all diese wunderbaren Wörter, die wie Musik in unseren Ohren klingen. Blunze, Bussl, Karfiol, Schnackerlstoßen. Der Wiener Sprachwissenschafter Robert Sedlaczek erklärt in seinem Wörterbuch über 1300 Begriffe und Redewendungen samt ihrer Geschichte. Dass etwa der Karfiol (Blumenkohl) ein italienisches Erbe ist (cavolfiore). Oder dass Schnackerlstoßen (Schluckauf) von schnackeln kommt, was das Hervorbringen eines schnalzenden, knackenden Geräusches meint - aber auch übertragene Bedeutung hat. Wenns bei einem geschnackelt hat, ist er verliebt.

Es ist höchst amüsant, in dieser Wörterfundgrube zu stöbern. Doch Sedlaczek bleibt nicht bei der bloßen österreichischen Vokabular-Exotik stehen. Seine Ausführungen geben Einblicke in das Funktionieren der Sprache. Der „Fadian“ etwa macht einen zuerst ratlos, offenbart dann aber einen Mechanismus der Wortbildung, wie wir ihn vom Grobian und Blödian kennen. Aus einem Adjektiv mit Endung -ian wird das entsprechende Substantiv. Ein Fadian ist ein Langweiler, ein fader Mensch. Sedlaczek schöpft nicht einfach nostalgisch aus dem traditionellen Wortschatz Kärntens oder Wiens. Er geht von der gesprochenen Alltagssprache aus und belegt seine Ausführungen mit Beispielen aus der Werbung oder mit Zeitungsschlagzeilen. Und selbst im Umgang mit neuen Begriffen wie SMS wird eine differenzierte Sprachgeografie sichtbar. Das schweizerische, das süddeutsche und das österreichische Deutsch unterscheiden sich historisch bedingt bis heute in vielem vom dem, was als Deutsch gilt. Österreichische Eigenart indes ist, dass das Selbstverständnis der eigenen sprachlichen Ausprägung weit stärker geblieben ist als hierzulande.

Zu Gast bei Gotthard Rieger in der Sendung „Radio-Cafe“, ORF, Studio Niederösterreich, am 17. Dezember 2004:

Gotthard Rieger: Robert Sedlaczek hat das Buch „Das österreichische Deutsch“ geschrieben. Wir wissen ja alle miteinander: Was uns von unserem großen deutschen Nachbarn unterscheidet, das ist die gemeinsame Sprache ...

Robert Sedlaczek: ... ganz gravierend, nicht nur im Bereich des Wortschatzes, sondern auch im Bereich der Redewendungen, auch bei der gesamten Färbung der Sprache – wenn Sie jemanden treffen, der aus Hamburg oder Frankfurt stammt, dann werden Sie das schon nach dem ersten Satz bemerken, da muss er nicht einmal ein Kennwort des deutschen Deutsch gesprochen haben ...

Gotthard Rieger: Ich hab lange Zeit in Frankfurt am Main gelebt und gearbeitet, hab dort meinen österreichischen Dialekt nicht verloren, aber ein bißchen umgefärbt ins Frankfurterische, das ist klar, wenn man dort lebt. Mir ist auch aufgefallen: Manchmal haben mich meine Freunde und Bekannten einfach nicht verstanden ...

Robert Sedlaczek: Es ich wichtig, dass man selbstbewusst ist und zu seiner eigenen Sprache steht, dass man nicht versucht, diese Färbung, die wir auf Grund unserer Herkunft haben, zu vermeiden. Wenn man mit jemandem aus dem Norden Deutschlands redet, dann hat es keinen Sinn zu versuchen, so zu reden wie er. Man soll dazu stehen, dass wir aus dem Süden dieses Sprachraums kommen, dass das österreichische Deutsch viele Eigenheiten hat, für die wir uns nicht genieren müssen.

Gotthard Rieger: (...) Kommen wir nun zu den bekannten Begriffen: Karfiol, das ist dort der Blumenkohl ...

Robert Sedlaczek: ... genau, und wenn wir von Weihnachten reden wollen ... Bei uns bringt die Geschenke das Christkind, wir gehen vorher auf den Christkindlmarkt, wir stellen einen Christbaum auf. Im protestantischen Norden Deutschlands bringt die Geschenke der Weihnachtsmann, man geht auf den Weihnachtsmarkt und stellt einen Weihnachtsbaum auf. Bei uns hat der Weihnachtsmann eigentlich nur die Aufgabe, dass er in den Kaufhäusern die Gutscheine zu verteilen. Die Geschenke bringt das Christkind. Zur Zeit gibt es in Österreich einen Werbespot: Sagt ein kleines Kind zum Weihnachtsmann: „Darf ich mir was wünschen?“ – „Ho, ho, ho, natürlich!“ – „Ich wünsch mir zu Weihnachten, dass das Christkind die Geschenke bringt und nicht du!“

Gotthard Rieger: Das ist eine schöne Geschichte! Das Christkind ist aus unserem Sprachraum, aus unserer Kultur, aber der Weihnachtsmann, kommt der nicht aus Amerika? Ich glaube, den hat Coca Cola erfunden ...

Robert Sedlaczek: Na ja, da spielt auch der Santa Claus hinein. Der Weihnachtsmann wird auch deshalb in der Werbung recht oft eingesetzt, weil es relativ einfach ist, einen Burschen als Weihnachtsmann zu verkleiden. Man zieht ihm ein rotes Gwandl an, setzt ihm eine rote Haube auf, und schon ist er der Weihnachtsmann. Ein Christkind darzustellen ist um vieles schwieriger. Das Christkind hat auch viel stärker eine religiöse Kompenente, mit der nicht so gern gespielt wird.

Gotthard Rieger: Jetzt gibt es in Ihrem Buch tausende Begriffe, wo wir uns unterscheiden. Die Frage stellt sich: Gibt es eine österreichische Sprache?

Robert Sedlaczek: Es gibt ein österreichisches Deutsch und dieses ist gleichwertig zum deutschen Deutsch. Die moderne Sprachwissenschaft geht davon aus, dass es die deutsche Sprache in mehreren Varietäten existiert, eine Variante ist das österreichische Deutsch. Es gibt unzählige Begriffe der Verwaltungssprache und der Küchensprache, wo wir uns vom deutschen Deutsch unterscheiden. Es gibt Ausdrücke, wo genau die Staatsgrenzen die Sprachgrenzen sind, Marille wird beispielsweise nur in Österreich verwendet, schon in Bayern sagt man Aprikose ... Dann gibt es Ausdrücke, die haben wir mit den Bayern gemeinsam ... Einige Ausdrücke haben wir mit dem gesamten süddeutschen Raum gemeinsam ... Aber die großen Unterschiede sind jene zur Mitte und zum Norden Deutschlands, das spürt auch jeder. Mir ist es darum gegangen, die Unterschiede zu dokumentieren. Es gibt gewisse österreichische Redewendungen, die wird man in Teilen Deutschlands nicht verstehen. Wenn ich zum Beispiel sage: „Es geht sich aus!“, und zwar im Sinn von „Es geht sich aus, dass ich rechtzeitig am Bahnhof bin!“, dann werden vielleicht auch Sie in Frankfurt die Erfahrung gemacht haben, dass man Sie nicht versteht: „Was? Du willst mit mir ausgehen?“ Oder der Ausdruck „angreifen“ – das Wort wird in Deutschland nur im Sinn von „attackieren“ verwendet, nicht im Sinn von „berühren“.

Gotthard Rieger: Ja, genau ... Das Buch ist übrigens im Handel schon erhältlich. Wenn Sie sich einmal amüsieren und gleichzeitig informieren wollen, dann können Sie das alles in dem Buch „Das österreichische Deutsch“ nachlesen ...

Robert Sedlaczek: ... das Buch ist auch ein schönes Christkindl. „Christkindl“ ist ja bei uns ein Synonym für „Weihnachtsgeschenk“.

Lieber Gotthard Rieger! Es war für mich ein großes Vergnügen, Sie kennenzulernen. Ich erinnere mich noch gut an jene Zeit, als Sie den Ö3-Wecker moderiert haben. Sie waren damals für mich einer der klassischen Moderatoren von Ö3, eine Stimme, die ich noch immer im Ohr habe! Die Geschichte mit Coca Cola und dem Weihnachtsmann konnte ich übrigens inzwischen genau recherchieren. Auf der Website zu Christoph Drössers Zeit-Kolumne „Stimmt‘s?“ kann man unter http://www.zeit.de/stimmts/geschichte/index lesen:

Ist eigentlich an dem Gerücht etwas Wahres dran, dass der Weihnachtsmann im vertrauten Rot-Weiß ein Werbegag von Coca-Cola war?

Nein. Auch wenn sich die Limonadenfirma selbst gern damit brüstet. Die Figur des Weihnachtsmanns hat sich ganz allmählich zu dem heutigen Stereotyp entwickelt. Der heilige Nikolaus wurde schon in vergangenen Jahrhunderten in Europa als Geschenkebringer verehrt, allerdings immer als hoch gewachsene, ernste Bischofsfigur, mit Gewändern in ganz unterschiedlichen Farben. Als holländischer Sinter Klaas gelangte er nach Amerika, und dort beschrieb ihn 1821 der Dichter Clement C. Moore in seinem Gedicht A Visit from St. Nicholas erstmals als kleines, fröhliches Dickerchen – allerdings in Elfengröße. Illustratoren wie Thomas Nast zeichneten „Santa Claus“ dann schon in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in der Gestalt, die wir heute kennen, allerdings meist in Schwarzweiß. Erst in den zwanziger Jahren schließlich begann der heute übliche rot-weiße Weihnachtsmanndress über die anderen Farben zu dominieren. Am 27. November 1927 schrieb die New York Times: „Ein standardisierter Santa Claus erscheint den New Yorker Kindern. Größe, Gewicht, Statur sind ebenso vereinheitlicht wie das rote Gewand, die Mütze und der weiße Bart.“ Erst 1931 erschien die erste Coca-Cola-Anzeige mit dem rot-weißen Weihnachtsmann, entworfen von dem Grafiker Haddon Sundblom. Aber sicherlich haben die alljährlichen Werbefeldzüge zur Verbreitung des Einheitsweihnachtsmanns beigetragen.

Habe ich so im Detail nicht gewusst. Liebe Grüße Robert Sedlaczek

In der Zeitschrift „Academia“ (Dezember 2004) schreibt Dr. Peter Diem unter dem Titel „Neues von der Sahnefront“:

Während in der Bundesrepublik der Streit um die Rechtschreibreform kein Ende nimmt, erscheint im Wiener Ueberreuter-Verlag ein sehr empfehlenswertes Werk: „Das österreichische Deutsch“. Im Gegensatz zu allen bisher bekannten Büchern über die österreichische Mundart stellt der Wiener Publizist Robert Sedlaczek jedem „Austriazismus“ den entsprechenden „Teutonismus“ gegenüber. So entsteht ein flüssig geschriebenes, humorvoll illustriertes „Hausbuch“, also nicht ein trockenes wissenschaftliches Werk, sondern ein populäres Nachschlagwerk, aus dem man viel lernen kann. Oder haben wir alle gewusst, dass der Blaufränkische in Deutschland „Lemberger“ genannt wird und die Bouteille „Eintel“? Mindestens seit der Aufnahme von 23 kulinarischen Begriffen (von „Beiried“ über „Marille“ bis „Vogerlsalat“) in das EU-Vertragswerk und dem „Marmelade-Streit“ ist uns wieder bewusst geworden, dass sich Österreicher und Deutsche „durch die gemeinsame Sprache unterscheiden“. Die Unterschiede gehen dabei weit über den kulinarischen Bereich hinaus – zur Zeit sollen in einer EU-Datenbank rund 4.000 Ausdrücke aus dem österreichischen Deutsch gespeichert sein. So weiß man nun auch nördlich der „Sahnefront“, was unter einer Stelze gemeint ist. Sedlaczek weist auf den interessanten Umstand hin, das wir Österreicher „zweisprachig“ aufgewachsen sind – wir verstehen praktisch alle „bundesdeutschen“ Ausdrücke (sieht man vom Seemannsdeutsch einmal ab), während mancher „Piefke“ in Schwierigkeiten kommt, ein von einem „Ösi“ gesprochenes oder geschriebenes Wort zu verstehen. Manchmal wollen unsere Journalisten besonders originell wirken, wenn sie statt „Schanktisch“ oder „Budel“ „Theke“ oder „Tresen“ schreiben, das „Beisel“ in eine „Kneipe“ verwandeln und „Tabak“ auf der ersten Silbe betonen. In der Regel aber bleibt der Österreicher gerne bei seiner Muttersprache, der „bairisch-österreichischen Mundart“, einer Variante der „plurizentrischen deutschen Sprache“, zu der ja auch das Schweizerdeutsch gehört.

Dabei geht es nicht nur um Dialektausdrücke, sondern auch um grammatikalische und andere Eigenheiten der Hochsprache. So ermuntert uns der Autor, durchaus beim Perfekt zu bleiben („gestern bin ich in den Prater gegangen“) und nicht zum Imperfekt überzulaufen („gestern ging ich in den Prater“), dem „ausgefallenen Endungs-e keine Träne nachzuweinen“ („Tür“ statt „Türe“) und die Zahlen als männlich zu zitieren („der Einser“ statt „die Eins“). Sehr erfreulich ist, dass das Buch nicht in den Fehler verfällt, das österreichische Deutsch mit der Wiener Mundart gleichzusetzen. Das kommt etwa dadurch zum Ausdruck, dass der „Rehling“ gleichberechtigt neben dem Eierschwammerl, die „Strankalan“ neben den Fisolen und das „Zuckerli“ neben dem Zuckerl stehen Schmunzeln muss man bei Einträgen wie „Handkuss“, „Lurch“, „Schmäh“, „Schmarren“ und „Tafelspitz“ – was ist ihnen gemeinsam?

Sie haben (nicht: „hätten“) kein bundesdeutsches Äquivalent, meint Sedlaczek. Vielleicht hat er es nur keines entdeckt? Im allgemeinen lässt der Autor durchaus „den Schmäh rennen“, wenn er sich auch nie in ungebührlicher Weise über den nördlichen Nachbarn lustig macht. Er hätte ruhig noch ein Schäuferl zulegen können, etwa mit dem alten Witz Frage: Warum sagt man in Österreich „Jänner“ und nicht „Januar“ ? Antwort: Man sagt ja auch „Jäger“ und nicht „Jaguar“. Auch hätte es nicht geschadet, wenn auf die verschiedenen österreichischen Gruß- und Titelformen noch näher eingegangen worden wäre. In der „Großen Hitze“ von Jörg Mauthe finden sich dazu die wichtigsten Beispiele. Man darf schon gespannt sein, wie es sich damit in der eben erschienenen Fortsetzung dieser köstlichen Schrift, der „Großen Flut“ von Hans Magenschab Baj, verhält.

Freilich ist auch ein sprachwissenschaftlich begründetes Buch nicht frei von Fehlern und Ungenauigkeiten. So bringt der Autor an mehreren Stellen die genau definierten Begriffe „bairisch“, bayrisch“ und „bayerisch“ durcheinander und verwechselt Fahne und Flagge. Beim Wortpaar „Bürgermeister“ fehlt der Hinweis auf die unterschiedliche Betonung. „Spritzer“ ist schon lange ein häufig gebrauchtes Fremdwort im Englischen. Eine „Schnalle“ ist auch ein „verkommenes Mädchen“ und „Sprudler“ können auch „Haxn“ sein. „Streifholz“ wird, wenn es überhaupt verwendet wird, „Straffhözl“ ausgesprochen. Ist das Wort „Trottoir“ wirklich schon veraltet oder bin nur ich alt geworden? Ich kann mich auch der unbefangenen Verwendung der Begriffe „teutonisch“ und „teutonistisch“ nicht anschließen, sie sind – wie es das Wort „Piefke“ immer noch ist – abwertend. Wir wollen ja unsere nördlichen Nachbarn, mit denen wir „In Vielfalt vereint“ sind (Motto der EU im neuen Verfassungstext) nicht diskriminieren, wenn wir das österreichische Deutsch als Identitätsmerkmal pflegen. Der Unterschied zwischen dem in Deutschland und dem in Österreich gesprochenen Deutsch wurde ja schon von Franz Grillparzer beachtet, der 1828 schrieb: „Ich bin ein deutscher Dichter, ich kümmere mich den Henker um die Sprache der Leipziger Magister und des Dresdner Liederkreises. Ich rede die Sprache meines Vaterlandes.“

In seinem Buch „Das Land der Deutschen mit der Seele suchend“ hat Hans Weigel den Unterschied zwischen den beiden Nationen mit dem humorvollen Satz definiert: „Die Zubereitung des Getränks Kaffee und die Betonung des Wortes Kaffee“. In einem Europa der Einheit in Vielfalt ist es kein Fehler, sondern eine Tugend, wenn regionale und kulturelle Unterschiede ohne gegenseitige Missachtung bestehen bleiben und gepflegt werden – nur so kann der weiteren McDonaldisierung des Erdteils entgegengewirkt werden.

Lieber Dr. Diem: Schön von Ihnen wieder etwas zu hören. Die Bedeutung von „bairisch“ erkläre ich auf Seite 17, Fußnote 2. Dort steht auch, warum ich den Ausdruck „bairisch“ im Buch nicht verwende. Zwischen „bayerisch“ und „bayrisch“ besteht kein Unterschied (siehe Duden, Band 9, Richtiges und gutes Deutsch, Seite 136). Nur dass die Form mit e in der Standardsprache und in offiziellen Namen bevorzugt verwendet wird. Dass „Sprudler“ im Sinn von „Haxen“ und „Schnalle“ im Sinn von „verkommenes Mädchen“ fehlt, hängt damit zusammen, dass meine Schwerpunkte die Standardsprache und die Umgangssprache sind, dialektale Ausdrücke habe ich nur vereinzelt im Buch. Aber in eine Neuauflage wüde ich auch gern mehr Dialektausdrücke aufnehmen, insbesondere solche, die zu Missverständnissen zwischen Österreichern und Deutschen führen können. Ihre Hinweise kommen mir also sehr gelegen und ich danke Ihnen dafür ganz herzlich. Liebe Grüße Robert Sedlaczek. P. S.: Grillparzer hat sich allerdings trotz des von Ihnen wiedergegebenen Zitats wenig um das österreichische Deutsch gekümmert. Selbst in Erzählungen wie „Der arme Spielmann“ findet man kaum ein Wort bzw. eine Wendung, die typisch für unsere Sprache ist. Obwohl hier von der Thematik her eigentlich ein Anlass gewesen wäre, dem Volk aufs Maul zu schauen. Ich habe vor kurzem noch einmal Grillparzers „Selbstbiographie“ gelesen und diese nach Ausdrücken des österreichischen Deutsch abgesucht: Viel mehr als ein Dutzend sind es nicht geworden.

Beitrag von Beatrix Novy in der Sendung „Büchermarkt“, Deutschlandfunk, vom 20. Dezember 2004.

Moderation: „Das Österreichische Deutsch“ heißt ein Buch von Robert Sedlaczek, dem langjährigen Leiter des Österreichischen Bundesverlags. Alles über „Karfiol“, „Paradeiser“ und Menschen, die „aufgehen wie eine Buchtel“, erfahren sie nun von Beatrix Novy. Sie hat den Autor gesprochen und auch verstanden.

Beatrix Novy: Europa hat es nicht leicht. So viele Biersorten, so viele Normgrößen, so viele Friedhofsbestimmungen. Schon binnennational kracht es ja, kaum dass man die unsichtbare Bratwurstgrenze zwischen Mittelfranken und Oberfranken passiert. Und was erst EU-normenmäßig alles angeglichen werden muss, vom Kondomformat bis zur Streichholzlänge, die Lage ist bekannt. Aber, ist bekannt, dass das Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften ganze 23 österreichische Vokabel offiziell zugelassen hat, bei Rechtsgeschäften ebenso gültig wie die echten, also hochdeutschen, also nur in Hannover überhaupt korrekt ausgesprochenen Begriffe?

Nehmen wir also an, es geht um ein Rechtsgeschäft in dem „Johannisbeeren“ und „Feldsalat“ eine tragende Rolle spielen. Der Vertrag wird aufgesetzt, ein unachtsamer Notar schreibt „Ribisln“ und „Vogerlsalat“ hinein. Kein Problem mehr – der Vertrag ist gültig! So großzügig lässt Europa seinen Mitgliedern die kleinen skurrilen Eigenheiten.

Im letzten Sommer aber zog ein noch immer unzufriedenes Grüppchen österreichischer Autoren, unter ihnen Marlene Streeruwitz und Robert Schindl, vor die Öffentlichkeit und forderte halb im Ernst, halb im Scherz eine Verfassungsänderung. Statt „Die Staatssprache ist deutsch“ würde es heißen: „Die Staatssprache ist österreichisch in einem europäischen Kontext“. Oder: „Die Staatssprache ist österreichisches Deutsch.“ Oder ... Nun, es war Hochsommer.

Aber hat sich die Lage seither beruhigt? Mit dem Buch „Das österreichische Deutsch“ wird das ganze Ausmaß jener Entfremdung klar, die im Diktum, Österreicher und Deutsche hätten alles gemeinsam außer der Sprache, populären Ausdruck fand. Oder gefunden hat. Das Perfekt, sagt Robert Sedlaczek, Autor dieses Leitfadens zwischen den Sprachkulturen, gehört zu den Konstituenten der österreichischen Grammatik, die vom Duden als mundartlicher Sonderfall behandelt werden.

Robert Sedlaczek: Wenn man die Werke österreichischer Schriftsteller analysiert, wird man draufkommen, dass diese andere Nuancierungen der deutschen Sprache verwenden. Es ist so, dass bei uns der Konjunktiv viel seltener verwendet wird. Bei uns hat der Konjunktiv stärker die Funktion, dass er die Unwahrscheinlichkeit ausdrückt, Zweifel an dem Gesagten. Darüber hinaus wird das Präteritum in der gesprochen Sprache kaum verwendet, wir verwenden statt dessen das Perfekt. Das wirkt sich natürlich auch auf die Umgangssprache und sogar auf die Hochsprache sehr stark aus. Es gibt österreichische Schriftsteller die beispielsweise im Perfekt Romane schreiben, das ist etwas, was wahrscheinlich für einen Norddeutschen zunächst einmal ungewohnt klingt, aber bei näherer Betrachtung strahlt wahrscheinlich diese Erzählweise auch eine gewisse Faszination aus.

Beatrix Novy: Thomas Bernhards „Der Billigesser“ zum Beispiel, von vorne bis hinten im Perfekt geschrieben, gilt dennoch als Literatur, und das, obwohl im Duden deutlich steht, das Perfekt diene nicht als Erzähltempus. Ausnahme: „die oberdeutschen Mundarten“. „Da hier das Präteritum geschwunden ist, ist der Sprecher in diesen Mundartgebieten gezwungen, vergangenes Geschehen mit Hilfe des Perfekts darzustellen.“

Österreichs und auch Bayerns Gebirgsvölker von einer piefkischen Besserwisserredaktion in Mannheim wegen falschen Gebrauchs des Perfekts als Hinterwäldler gebrandmarkt? Von globetrottenden Supermärkten und begriffsstutzigen Touristen zur Verwendung uneleganter Begriffe wie „Kartoffel“ und „Pflaumenmus“ gezwungen?

Das ist traurig. Trotzdem bleibt die Frage, ob ein Neoalpennationalismus als Rezept gegen Globalisierungsverluste taugt. Darf man vom Wuppertaler verlangen, dass er mit dem Wort „Hundstrümmerl“ etwas anfangen kann? Die andere Frage, wo kommen wir hin, wenn die allgemein verbindlichen Elemente von Sprache nicht zentral definiert werden, hat allerdings schon im Streit um die Rechtschreibung einige Substanzverluste erlitten.

Als der spätere Verlagsleiter Robert Sedlaczek ein junger Volontär war, da strich ihm sein deutscher Chef regelmäßig die Austriazismen aus dem Text. Mag sein, dass da ein Trauma geblieben ist. Aber nationalistisch-kleingeistige Spaltungsabsichten weist Sedlaczek von sich. Um Gleichrangigkeit gehe es ihm, um ein plurizentrisches Deutsch, das nicht nur in Wittenberg und Mannheim geschliffen wurde.

Robert Sedlaczek: Ich will erreichen, dass man in Österreich und im Süden des deutschen Sprachraums nicht alles für bare Münze nimmt, was im Duden steht. Mir geht es auch darum, dass wir in sprachlichen Belangen selbstbewusster werden. Gerade wir in Österreich neigen manchmal dazu, dass wir sozusagen das Fremde als hochsprachlich betrachten und die einheimischen Ausdrücke als dialektal. Wir müssen uns klar sein, dass Sprache von Menschen gemacht wird und dass auch sprachliche Entwicklungen und sprachliche Tendenzen keine Naturgesetze sind ...

Beatrix Novy: Plante nicht schon im 18. Jahrhundert der Wiener Professor Johann Siegmund Popowitsch, Gegner des Sprachzuchtmeisters Johann Christoph Gottsched, ein Wörterbuch der Unterschiede zwischen dem Österreichischen und dem Nur-Deutschen? Popowitsch war Untersteirer slowenischer Herkunft. Warum wohl ist aus seinem Werk nichts geworden? Vielleicht weil er an der Fülle der Worteinflüsse scheiterte, die die Völker des Habsburgerreichs in die österreichische Sprache schwemmten und sie damit reicher machten als Luther sich träumen ließ.

Heute ist so ganz hoffnungslos die Lage nicht. Dieselbe Mobilität, die Mitten in Österreich aus „Fisolen“ unaufhaltsam „Grüne Bohnen“ macht, weht manche Sprachpartikel so kräftig in die umgekehrte Richtung, von Süd nach Nord, dass der großdeutsche Dudenprovinzialismus sich bald umschauen wird. Is eh klar!

Moderation: Beatrix Novy über „Das österreichische Deutsch“ von Robert Sedlaczek. Erschienen ist Sedlaczeks Plädoyer wider die verderbliche Sprachnormierung im Ueberrreuter Verlag.

Liebe Frau Novy: Vielen Dank für den ausführlichen Beitrag, vielleicht ein exemplarisches Beispiel, wie man in Hannover oder Köln dieses Thema sieht? Dass wir in Österreich zu „Fisolen“ bereits „Grüne Bohnen“ sagen, ist mir übrigens noch nicht aufgefallen. Beim Wort „Fisolen“ handelt es sich um einen gut etablierten Ausdruck der österreichischen Standardsprache, während in den Mundarten Begriffe wie „Strankalan“, „Bohnschoten“ etc. dominieren. Popowitsch ist eine Symbolfigur für die sprachliche Selbstbehauptung Mitte des 18. Jahrhunderts. Was dann kam, ging in die andere Richtung. Maria Theresia hat schließlich das Obersächsische zur Norm erkl&aum;rt, weil man davon ausgegangen ist, dass es sinnvoll ist, die Sprachgepflogenheiten jener Regionen zu übernehmen, die in kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht erfolgreich sind. Eine Zeit lang ist deshalb sogar auf der amtlichen Wiener Zeitung Sonnabend statt Samstag gestanden. Das großdeutsche Gedankengut war dann auch nicht gerade föerderlich f&uum;r das sprachliche Selbstbewußtsein, über die Normierungstendenzen in der Zeit des Nationalsozialismus brauchen wir ja gar nicht extra reden. Somit gibt es erst seit Beginn der 2. Republik ein Verständnis für dieses Thema. Der Beitritt zur EU war dann ein Katalysator, seither wächst das Interesse ... Liebe Grüße aus Wien, Ihr Robert Sedlaczek. P. S. Ich hatte übrigens nicht den Eindruck, dass es Schindel und Streeruwitz ums Schmähführen gegangen ist ...

Helmut Schneider schreibt in „Wien Live. Das Kulturmagazin für Wien“, Heft 1, 2005, Seite 58 bis Seite 60:

Gretchenfrage: Sessel oder Stuhl?

500 Seiten sind wohl das Minimum, das ein Buch braucht, um die Unterschiede zwischen dem deutschen und dem österreichischen Deutsch aufzulisten. Robert Sedlaczek hat’s probiert.

„Der Österreicher unterscheidet sich vom Deutschen durch die gemeinsame Sprache." So lautet ein markanter Satz, der gern Karl Kraus zugeschrieben wird, aber nachweislich nicht von ihm stammt. Wahrscheinlich hat ihn ein österreichischer Emigrant nach dem Krieg aus Amerika mitgebracht. Denn dort gibt es ein ähnliches Bonmot, das auf die Unterschiede zwischen dem amerikanischen und dem britischen Englisch gemünzt ist.

Wo sich die Sprachgewohnheiten Österreichs und Deutschlands unterscheiden, wird erstmals umfassend in einem Buch dokumentiert. Es heißt „Das österreichische Deutsch“ und ist ein dicker vierfärbig illustrierter Wälzer. Autor ist Robert Sedlaczek, er war 15 Jahre lang Geschäftsführer des Österreichischen Bundesverlags und gleichzeitig auch für die österreichischen Literaturverlage Residenz und Deuticke verantwortlich. Er weiß also, wovon er schreibt.

Zwischen den rot-weiß-roten Buchdeckeln wird penibel aufgelistet, wo sich das österreichische Deutsch vom deutschen Deutsch unterscheidet: Hier sagt man „Bub“ bzw. „Bursch“, dort „Junge“, hier „Kasten“, dort „Schrank“, hier „Stiege“, dort „Treppe“, hier „Jänner“, dort „Januar“, hier „Polster“, dort „Kissen“ usw. Insgesamt sind in dem Buch 1.300 Ausdrücke und Redewendungen vermerkt, die das österreichische Deutsch ausmachen, es ist obendrein gespickt mit Anekdoten und Zitaten.

„Österreichische Autoren, die in bundesdeutschen Verlagen publizieren, brauchen ein starkes Durchsetzungsvermögen, wenn die Lektoren den Rotstift ansetzen“, berichtet Sedlaczek. „Oft wird um jedes einzelne Wort gekämpft. Renommierte Autoren haben es da leichter als Newcomer.“ Beispiel: Robert Menasse. Bei seinem Roman „Sinnliche Gewissheit“ wollte der deutsche Lektor an mehreren Stellen das Wort „Sessel“ durch „Stuhl“ ersetzen. Menasse schrieb daraufhin einen völlig neuen Absatz. Dort gerät die Hauptfigur mit einer deutschen Professorin in Streit: „Ich komm zur Sitzung, und wie wir uns also alle so niedersetzen, seh ich, dass ein Sessel fehlt. Ich sage, dass ich schnell einen holen gehe. Sagt die Professorin: Was holen Sie? Sage ich: Einen Sessel! Darauf sie: Das heißt Stuhl – na ja, Sie werden schon noch Deutsch lernen bei uns!“

Viele österreichische Schriftsteller machen aber Furore, weil sie so schreiben, wie sie sprechen. So etwa Wolf Haas. Haas schreibt von der ersten bis zur letzten Zeile im Perfekt, also „er hat den Kopf gehoben“ usw. Das ist die in Österreich übliche Erzählweise. Im Norden sagt man hingegen „er hob den Kopf“. Der Clou an der Sache: Wolf Haas weiß, was er tut, er ist studierter Linguist!

Christine Nöstlinger glossiert das Thema im selben Heft auf Seite 94:

Herr Ober, eine Eitrige!

Ob es das Österreichische wirklich gibt, will Christine Nöstlinger so nicht benatworten. Sicher aber fällt man als Tourist auf die Nase, wenn man sich in Wien auf gewisse Gourmetführer verlässt.

Vor geraumer Zeit hörte ich den Akkordeonvirtuosen Krzysztof Dobrek in einem Interview den Reichtum seiner Wahlheimat Wien rühmen. Der Reichtum, den er meinte, ist Wiens Reichtum an Sprachen! Sechsundfünfzig Sprachen, sagte er, werden hier gesprochen und darauf sollten wir stolz sein. Ich weiß ja nun wirklich nicht, ob Herr Dobrek mit der Zahl sechsundfünfzig tatsächlich richtig liegt, und falls er es tut, weiß ich nicht, in welchen Sprachen – nebst den allseits bekannten – hierorts noch parliert wird. Wird in Inuktitut geturtelt? In Yao gestritten? In Kisuaheli geflucht? In Neumelanes verhandelt?

Ich weiß ja nicht einmal, welche Sprache wir so genannten Ureinwohner sprechen. Na sicher, für den Hausgebrauch reden wir Wienerisch. Aber was ist unsere Staats- und Amtssprache? Deutsch oder Österreichisch? Sympathischer wäre mir ja „Österreichisch“, aber: Was wir Wiener für „Österreichisch“ halten, sehen die Bewohner westlicherer Bundesländer leider absolut nicht als ihre Sprache an. Versuchen Sie einmal, in Bregenz einen „Bartwisch“ zu kaufen! Oder auf dem Wiener Naschmarkt „Strankelen“!

Im Ausland hat man freilich von solchen Verständigungsproblemen wenig Ahnung und glaubt sichtlich, dass vom Neusiedler See bis zum Bodensee „österreichisch“ gesprochen wird. Und so kommt es, dass der in Frankreich herausgegebene und gedruckte „Michelin Österreich 2005“ seinen hochfeinen Restaurant- und Hotelempfehlungen ein „Kleines Lexikon“ voranstellt, welches das „Österreichische“, soweit es die Kochkunst betrifft, nicht nur ins Englische, Französische und Italienische, sondern auch ins Deutsche übersetzt. Und das ist wahrlich spaßig! Abgesehen davon, dass die Michelin-Leute Österreich mitten in Bayern ansiedeln und uns „Fleischpflanzerln“ und „Reiberdatschi“ unterstellen, glauben sie auch, dass wir zu einer Fleischpastete „Rissole“ sagen, zum sauren Rahm „Schmetten“, zum Zander „Schill“ und zum Hendl „Gigerl“. Falls der Tourist gern eine kleine Mehlspeise mit Zimt essen will, soll er „Kaprizen mit Karneel“ bestellen. Und wenn er auf dem reich bestückten Frühstücksbuffet die Marmelade nicht entdeckt, muss er sich halt beim Personal erkundigen, wo denn die „Latwerge“ steht!

Dank des besten aller Feinschmecker-Führer darf ich mir nun auch Folgendes imaginieren: Ein betuchter Tourist sitzt in einem so edlen wie raren Wiener 2-Sterne-Lokal (drei Sterne gesteht der strenge Michelin ja keinem ösferreichischen Restaurant zu) und es gelüstet ihn nach „Wienerischem“. Also schlägt er den hilfreichen Michelin auf, blättert zum „Kleinen Lexikon“, entdeckt dort nach kurzem Studium eine „Wiener Wurstspezialität“ und verlangt frohgemut: „Herr Ober, eine Eitrige!“

Ob der 2-Sterne-Ober dann so nett sein wird, dem betuchten Touristen den Weg zum nächstgelegenen Gürtel-Würstelstand zu erklären?

Fritz Janda schreibt am 18. Jänner 2005 auf Seite 3 der „Münchner Abendzeitung“ unter dem Titel „Wie sich Österreicher und Deutsche in der Sprache unterscheiden. Neues Buch“:

Wenn Niki Lauda bei einer Formel-I-Übertragung auf RTL von einem „Patschen“ spricht, dann springt der Moderator ein: „Das muss ich jetzt erklären, er meint einen Platten.“ Und wenn der bundesdeutsche Anrufer von seinem Telefonpartner in Wien hört: „Gehen‘S, rufen Sie mich doch später auf meiner Klappe noch einmal an“, dann sollte er nicht vermuten, dass dieser Mann gleich einen anrüchigen Schwulen-Treff aufsuchen wird. Er wollte nur einen Rückruf auf seiner Durchwahlnummer. Österreichische Sprache – fremde Sprache?

Gerade einmal 23 Wörter erschienen der Europäischen Union beim Beitritt Österreichs vor zehn Jahren als eigenständige, schützenswerte österreichische Begriffe: von Eierschwammerl bis Weichseln, von Fisolen bis Topfen. „Ein bescheidenes ,Küchenglossar“, kann sich der Wiener Sprachwissenschaftler Robert Sedlaczek (52) da nur erregen, „das sich ein paar Ministerialräte bei einem Heurigenbesuch zusammengereimt haben müssen.“

Denn immerhin kommen seriöse Untersuchungen des spezifisch österreichischen Wortbestands auf weit respektablere Zahlen. Beim österreichischen Institut für Dialekt- und Namensforschung liegen nicht weniger als 3,6 Millionen Einzelbelege vor. Mehr als 1.300 Ausdrücke und Redewendungen, die das österreichische Deutsch ausmachen, hat Sedlaczek nun in seinem nicht nur für Sprach-Interessierte ebenso informativen wie vergnüglichen Schmöker Das österreichische Deutsch (Ueberreuter Verlag, 34,95 Euro) zusammengestellt.

Angereichert mit vielen Anekdoten und Illustrationen erklärt er Bedeutung und Herkunft dieser Austriazismen und stellt ihnen das jeweilige „hochdeutsche“ Pendant gegenüber, um zu zeigen, „wie wir uns von unserem großen Nachbarn unterscheiden“.

„Ich bin kein Sprachpolizist“, sagt Sedlaczek, „ich will keine neue Anti-Piefke-Kampagne lostreten und glaube auch nicht an die angebliche deutsch-österreichische Hassliebe.“ Worum es ihm ging: Die Eigenheiten des österreichischen Deutsch zu dokumentieren und zu zeigen, dass es dem deutschen Deutsch ebenbürtig ist. Was nicht nur das typisch österreichische „Küss die Hand“ betrifft. Wobei zu beachten wäre, dass die Redewendung „zum Handkuss kommen“ bedeutet, für jemand unverschuldet einstehen zu müssen. Sedlaczek: „Ich bin sehr dagegen, dass die Tendenz entsteht, wir wären nur ein Anhängsel jener Sprachgewohnheiten, die in Deutschland vorherrschen. Wir schützen unsere Schlösser, Denkmäler und Naturparks als Kulturgüter. Bei der Sprache fehlt ein entsprechendes Bewusstsein. Dabei haben wir allen Grund, stolz auf sie zu sein und unsere Eigenheiten zu pflegen.“

Das macht ihn zu einem natürlichen Gegner der Mannheimer Duden-Redaktion. „Kolonialdenken“ wirft er den hochdeutschen Sprachwächtern vor: „Dort werden österreichische Besonderheiten stets als umgangssprachliche Abweichungen klassifiziert, als Abart. Nach dem Prinzip: Deutsches Deutsch ist die Hochsprache, österreichisches Deutsch nur kursiv und in Klammer. Aber, wen wunderts, laut Duden sind ja sogar die Habsburger ein deutsches Adelsgeschlecht.“

Doch er ist auch überzeugt: „Wir haben jetzt ein sehr großes Europa, da sind die Menschen sensibilisiert: Wenn wir schon in einer so großen Gemeinschaft leben, dann werden unsere kulturellen Besonderheiten wichtiger, und dazu gehört auch die Sprache. Wir wollen etwas Eigenes behalten.“

Ihn selbst hat der sprachliche hochdeutsche Hochmut schon als junger Mitarbeiter einer großen Nachrichtenagentur gestört. Sein Redakteur war nämlich Deutscher. Und hat ihm jede österreichische Färbung aus seinen Artikeln gnadenlos herausredigiert. Bei „weiters“ wurde das „s“ gestrichen, in „hiezu“ kam ein „r“ für „hierzu“ hinzu, und dass er „nützen“ schrieb, nützte gar nichts. Es musste „nutzen“ heißen.

„Wir in Österreich“, sagt er, „sind ja an solche Zweisprachigkeit von Kindesbeinen an gewöhnt durch die Filme, die meist auf Hochdeutsch synchronisiert werden, verstärkt noch durch die neuen Privatsender aus Deutschland. Ein Wort wie ,tschüs‘ hat sich auch hier eingebürgert, sogar als eigenständiger Begriff, wenn auch negativ besetzt in der Wendung ,Vertschüss dich endlich ...‘“

Andererseits sei auch eine Süd-Nord-Wanderung zu verzeichnen: „Knödel“, „Traktor“ und „Maut“ erobern auch die Bundesrepublik, umgangssprachliche Begriffe wie „eh klar“ fließen ins Schriftdeutsch ein, sogar der „Spiegel“ schreibt schon in der (österreichischen) Erzählform des Perfekt. Sedlaczek: „Alle Umfragen zeigen, dass unsere Sprache im gesamten deutschen Sprachraum sehr beliebt ist. Auch österreichische Fernsehserien kommen in Norddeutschland bestens an. Ich habe den Eindruck, dass viele meiner Landsleute das gar nicht wissen.“

Zumindest bei der EU aber scheint sich ein neues Denken durchzusetzen. Zu den ursprünglich 23 „österreichischen“ Wörtern sind in den Datendateien inzwischen über 4000 weitere hinzugekommen, auf die die Beamten in Brüssel bei Sprachproblemen zurückgreifen können.

Auch wenn das vor letzten Missverständnissen nicht schützt. So fragte ein Finne erst kürzlich die Austriazismen-Expertin des Dolmetscher-Dienstes, ob es sich bei „Schwedenbomben“ (Negerküsse) um österreichische Abfangjäger handle ...

Sedlaczeks Buch könnte helfen, solche Irrtümer vermeidbar zu machen. Vorangestellt hat er ihm ein Motto, das oft Karl Kraus zugeschrieben wird, von dem der akribische Autor aber nachweisen kann, dass es erstmal der Wiener Kabarettist Karl Farkas gebraucht hat: „Der Österreicher unterscheidet sich vom Deutschen durch die gemeinsame Sprache.“

Unter dem Titel „Nachbar in Not“ schreibt das Magazin „Die Wienerin“ im April 2005:

Wir alle schauen zu viel fern. Das könnte die Erklärung dafür sein, dass wir plötzlich „Kohle“ statt Geld brauchen, „gut drauf“ sind und finden, dass irgendwo „was abgeht“. Was uns dabei wirklich abgeht, ist die eigene Sprache, die wir automatisch durch den Piefke-Slang deutscher Synchronanstalten und TV-Shows ersetzen. Um das zu verhindern und dem „großen Nachbarn“ eine Chance zu geben, uns besser zu verstehen, hat Robert Sedlaczek sein Handbuch „Das österreichische Deutsch“ (Ueberreuter) verfasst.

Hier erfährt die geneigte Leserschaft, warum man bei uns – und zwar nicht nur in Wien – „Sackerl“ sagt statt „Tüte“, weshalb „Kaldaunen“ in Wirklichkeit „Kuttelfleck“ heißen und dass der „Gehsteig“ zwar leider kaum mehr „Trottoir“ genannt wird, aber deswegen noch lange nicht „Bürgersteig“. Und das sind nur drei der insgesamt mehr als 1.300 Ausdrücke und Redewendungen, die Sedlaczek gesammelt, belegt und mit passenden Illustrationen versehen hat.

Auch mit kleinen Gschichterln und Anekdoten zu einzelnen Begriffen sowie Sprachformen (wie etwa dem Konjunktiv) wird nicht gespart, was das Buch noch lesenswerter macht. Weil es eben nicht „g’hupft wie g’hatscht“ ist …